|
Fotos: Adelina Schmidtlein
|
Der Klick auf ein Bildchen zeigt es in voller Größe in einem neuen Browserfenster.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
| München, Backstage Club, 23.08.2007 |
 |
Wie kommt's, dass die größte und seriöseste deutsche Tageszeitung - welche durchaus nicht das massenverdummende Blättchen mit den voyeuristischen Leserreportern ist - der Vorband einen schmucken Zweispalter widmet, dem Hauptact dafür kein Wort?
Das mag drei Gründe haben. Erstens hat der geachtete Kollege an OHRENFEINDT einen Narren gefressen, zweitens ist der Torfmoorholmer Dialekt in Süddeutschland vielleicht doch nicht ganz so verständlich, drittens musste er womöglich zeitig nach Hause. Ist ja auch ein anstrengender Job, bei Getränk und Rauchware drei Stunden mit Beinchen und Köpfchen zu wackeln.
Also, wir wissen nicht, warum TORFROCK von der SZ ganz und gar ignoriert wird und wetzen diese Scharte hiermit aus.
|
|
|
|
"30 Jahre Torfrock" ist der Werbespruch in diesem Jahr, was so nicht ganz korrekt ist, denn die Band um die Urgesteine Klaus Büchner und Raymond Voß wurde zwar etwa 1975/76 gegründet, existierte aber in den fürchterlichen Achtzigern etliche Jahre gar nicht und später immer wieder mit gewissen Unterbrechungen, von den zahllosen Umbesetzungen abgesehen. Egal, sie sind auf jeden Fall lang genug dabei, um zu den ganz erfahrenen Torf'n'Roll-Stechern gezählt zu werden. Und auch lange genug, um südwärts der Norddeutschen Tiefebene seit Jahrzehnten Opfer eines großen Missverständnisses zu sein. Das Missverständnis heißt Bernhard, wird nächstes Jahr auch schon 30 und presslufthammert sich seit seiner Geburt unzerstörbar durch die Radio-Wunschkonzerte der Kukidentgeneration. TORFROCK sind bestens beraten, den alten Schlager heutzutage direkt an den Anfang ihrer Konzerte zu stellen, dann ist das Thema vom Tisch und Band und Publikum können sich ungestört dem eigentlichen Thema widmen: Rock & Roll.
|
|
|
|
|
Tatsache ist, dass TORFROCK in Bayern und Umland für immer Exoten bleiben werden, was dazu führt, dass die Konzerte in den kleinen Clubs stattfinden und der Fan den Herrschaften hautnah auf Finger und Falten schauen kann. Beides ist durchaus beeindruckend.
Wenn man weiß, von welchen Zuschauermengen die traditionellen "Wiehnachts"-Konzerte im Norden bejubelt werden (man kann das auf der feierlichen DVD "Die beinharte Bagaluten-Wiehnacht" überprüfen), erscheint der Rahmen des kleinen Münchner Backstage-Clubs fast despektierlich, erweist sich aber als genau richtig für die knappe Hundertschaft der anwesenden Watt-Flüchtlinge. Ein paar Bayern haben sich auch verirrt, wollen aber in der Öffentlichkeit unerkannt bleiben.
|
|
|
|
|
Nach besagtem Presslufthammer B-B-Bernhard zeigt vor allem Raymond Voß sein wahres Gesicht. Der Kerl ist nämlich Gitarrist und Gitarristen müssen Gitarre spielen bis die Saiten glühen und das am besten in der Tradition von Chuck Berry, Billy Gibbons, Francis Rossi und Rick Parfitt, was nichts anderes als Volle-Granate-Gitarrenboogie bedeutet. So hübsch die akustische Ovation auch ist, eine Gibson-Streitaxt macht einfach optisch und vor allem akustisch mehr her, das wussten schon die Wikinger und Wotan sowieso - und wer will die klaren Verstandes verärgern. Also wird gerockt bis dem Schimmelreiter die Ohrenstöpsel wegfliegen. Die gesamte friesische Hitparade kommt zum Vortrag, vom Boxer zum Trunkenbold zur Wildsau zu Willi, die Ratte zu Karola Petersen bis zu Rollo der Wikinger, nach den etwa zwei Stunden fehlt eigentlich nichts. Vielen Danke!
|
|
|
|
|
TORFROCK sind eine hart arbeitende und spielende Rock'n'Roll-Kapelle nach dem Motto Let's wörk togesser. Dass sie vom Mainstream schon immer in die Blödel-Ecke geschoben wurden, dass ihre Texte selbstverständlich manchmal nahe am Abgrund zum Kalauer gebaut sind, ist einerseits Pech und andererseits eine Chance. So kann man auch den einen oder anderen gutbürgerlichen Laien als Käufer gewinnen und möglicherweise sogar für 4/4-Boogie à la Willi, die Ratte begeistern. Das geht aber auch ab (falleri und abfallera). Es kommt auch sicher niemand auf die Idee, so einen Breitbeiner in die Nähe von STATUS QUO zu rücken.
|
|
|
|
Noch ein Wörtchen zu Klaus Büchner. Allgemein bekannt, dass er mal ein Teil von "Klaus & Klaus" war, auch bekannt, dass er natürlich nicht wie Bob Seger röhrt, für Konzertnovizen jedoch überraschend, wie er den Volldampf seiner Nebenmänner jederzeit mitgeht, zwischendurch in ein Holzblasinstrument pustet und herrlich witzige Ansagen macht. Man nennt das gemeinhin Entertainment - und zwar höchster Klasse. Zur rechten Zeit sorgt er auch für den Folk-Anteil, der natürlich mehr an JETHRO TULL denn an RUNRIG oder gar Hannes Wader angelehnt ist.
Und zuletzt die Texte. Nicht umsonst waren TORFROCK mit drei Songs auf dem Soundtrack zum ersten Werner Film "Volles Rooääää" vertreten. Wer Rötger Feldmanns Humor nicht versteht, wird auch über die Band nicht lachen können, so einfach und betrüblich ist das. Wer aber Spaß mit Nonsens, Hintersinnigkeiten und Derbheiten aus dem Spektrum zwischen Werner, Otto Waalkes und BIERMÖSL BLOSN hat, sollte sich schnellstens mit TORFROCK beschäftigen. Dies ist als Hinweis an unsere Nicht-Schleswig-Holsteinischen Leser zu verstehen, die anderen wissen eh wo Odin den Met hingestellt hat. Und nun geht Torfmoorholm pennen, wir kommen zur Vorgruppe.
|
|
|
|
|
Vor fünf Jahren wurden OHRENFEINDT zum ersten Mal bei uns erwähnt und seitdem hat sich außer der Besetzung um Chris Laut nichts geändert. Stagnation auf Ausfallschrittniveau. Doch das ist nicht neu für uns ewiggestrige QUO- und AC/DC-Fans, wir leben seit vielen Jahren mit den abschätzigen Blicken und dem hämischen Grinsen der angeblichen Intelligenzrocker. Aber wir haben Spaß, Rhythmus, die Girls und ihr habt nicht mal Bier!
Apropos Girls. So viele Frauen (Frauen, keine Tussis!) sieht man nicht ständig in einem Club und anlässlich zweier solcher Bands. Gitarren und lässige Sprüche sind also doch sexy. Als ob wir es nicht schon immer gewusst hätten.
|
|
|
|
|
"Schmutzige Liebe und Rock'n'Roll Sexgott" sind die beiden bisherigen offiziellen CDs, aus denen plus ein paar neuen Nummern setzt sich auch die Setlist der guten Dreiviertelstunde im Backstage-Club zusammen. 45 Minuten hört sich nicht üppig an, aber untrainierte Menschen sind danach mächtig am Ende. Und das kommt so:
|
|
|
|
|
Chris und sein Gitarrist Dennis Henning sind Poser! Keine Federboa schwenkenden Glamster, auch keine hippen Trendhopser, sie stehen einfach nur mit gespreizten Beinen auf der Bühne und schwenken Gitarre respektive Bass und schütteln dazu das lange Haar (Dennis) und den, ahäm, Bart. Das sieht gut aus, das hat Stil, das wird durch den vorbildlich gekleideten Abteilungsleiter Schlagzeug Stefan Lehmann nachdrücklich betrommelt. Fluchtwagenfahrer, Rock'n'Roll Sexgott, Rock'n'Roll Mädchen sind Boogie-Brecher allererster Güte, Stoff für Biker und Fahrradkuriere, Arschtritte für Langweiler und den Parasit, und Beweis für uns Fans, dass die Welt des simplen Vorwärts-Rock'n'Roll zwar bedroht, aber keinesfalls bereits vernichtet ist.
OHRENFEINDT erfinden das Rad nicht neu, sie beulen nur den Achter am Vorderrad aus, geben Gas und vermitteln pure Gaudi. Für ein Trio verblüffend vollfetter Sound und ein paar kleine Soli, die das handwerkliche Können ganz nebenbei bestätigen, machen die Sache perfekt. Spätestens an diesem Punkt des Auftritts versteht man die Lobeshymne der Süddeutschen Zeitung und die Freundschaft mit den TORFROCKers, die Chris und Dennis zur Zugabe auf die Bühne holen.
|
|
|
|
|
OHRENFEINDT kommen bekanntlich aus St. Pauli (s.a. die Milieu-Ballade Es wird Tag auf St. Pauli). Dort gibt es den FC von 1910, welcher 2002 und 2006 der erste und für die nächsten Jahre letzte Bezwinger des Weltpokalsiegers war. Wenn überhaupt jemand diese Siege verdient hat, dann der Kiezverein. Wir danken der Rock'n'Roll-Regierung von Sankt Pauli für die freundliche Wiedergutmachung in Form der kleinen aber lauten Band OHRENFEINDT. Denn diese Buben sind Zum rocken geboren.
P.S.: Falls jemand in nächster Zeit einen Typen mit dem Aufdruck "Rock'n'Roll Sexgott" auf dem T-Shirt durch München laufen sieht: Sprecht mich nicht an, ich bin Unterwegs im Namen des Herrn.
|
Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:

|