HoR Logo kl

Konzertbericht:

The String Cheese Incident

München, Georg Elser Halle, 23.03.2004

Logo Home-of-Rock
Startseite > Konzertberichte > The String Cheese Incident > München, Georg Elser Halle, 23.03.2004

Link Homepage:
Offizielle The String Cheese Incident Homepage
Link Kaufen:
www.amazon.de
Link Plattenfirma:
SCI Fidelity Records
Link Promotioncompany:
Gordeon Music Promotion
Mehr Info:
All Music Guide (englisch)

Unser Disclaimer
Fotos:
Adelina Schmidtlein

Der Klick auf ein Bildchen zeigt es in voller Größe in einem neuen Browserfenster.

Setlist
Setlist. Wer draus schlau wird, bitte. Die Jammer sind so freundlich, dass sie einem sogar die Setlist zum fotografieren hinhalten...
String Cheese Incident
Ich schwöre: Keine Drogen!
String Cheese Incident
Vorne: Fans. Hinten: Band. Dazwischen: Fun!
String Cheese Incident
Kyle Hollingsworth
String Cheese Incident
Der grandiose Koreaner an der Geige: Michael Kang
München, Georg Elser Halle, 23.03.2004

Was hat das aber auch geregnet den ganzen Tag. Taktisch günstig hetze ich pitschnass genau zum Konzertbeginn in die Halle und lande umgehend in einem Sonnenlicht-Warmluft-Klangtherapie-Wellnesscenter.
Huch, was geht denn hier ab? Zur Begrüßung krieg ich eine Ladung, nein, kein Bier, Seifenblasen ins Gesicht, das pustende Mädchen, ohne Schuhe und mit Zöpfen, kommt direkt aus dem Woodstock-Film und ihr Sommerkleidchen ist nicht wirklich für das Wetter draußen geeignet.
Und auf der Bühne grooven sich grade fünf Leute ein. Und wie!

THE STRING CHEESE INCIDENT sind mal wieder eine Band aus der Parallelwelt der Gute-Laune-Musik. Ich gebe gerne zu, ihre Studioplatten interessieren mich nur marginal, zu langweilig und steril kommt diese Musik im Studio und das gilt (in meinen Ohren) auch für die aktuelle CD "Untying The Not", auch wenn die erstmalig in eine andere, songorientiertere, Richtung geht. Da klingt mir zu vieles nach Fingerübungen eines perfekten aber aufgeregten Musikhochschülers kurz vor der Abschlussprüfung.
Aber live reden wir von etwas ganz anderem!

The String Cheese Incident

Völlig entspannte Typen spielen (genau, sie spielen!) völlig unaufgeregte Sounds, nehmen sich alle Zeit der Welt und scheren sich nicht die Bohne um handelsübliche 3 1/2 Minuten Standards. Ja, diese Musik ist auch etwas für die ganz langsamen Blitzmerker. Wer es nicht gleich kapiert, hat genügend Zeit, auch noch nach 8 Minuten in den Groove einzusteigen, es dauert schließlich noch ein Weilchen bis zum Ende.
In den folgenden 60 Minuten spielen SCI nicht besonders viele Lieder (wie auch, bei lauter überlangen) aber die wenigen sind dafür um so mehr mit Bildern besetzt. Bilder von THE BAND, WIDESPREAD PANIC, der NITTY GRITTY DIRT BAND, den ALLMAN BROTHERS, natürlich GRATEFUL DEAD, Farbdias von seltsam um sich selbst herumwirbelnden Pilzen, von hohem Gras im Gegenlicht bei leichtem Wind und untergehender Sonne, Videocollagen von Fallschirmsprüngen, bei denen man aus irgend einem Grund immer über den Wolken schwebt und nicht runter fällt. Und das alles mit nur einem Bier!

Einer der Höhepunkte dieses ersten Sets ist natürlich Mighty Quinn. So cool hab ich diese EARTH BAND-Nummer noch nie gehört. Bevor Beschwerden kommen: Ja, ich weiß, wer den Song geschrieben hat! Aber auch die 2, 3 oder 4 anderen Nummern gingen so wundervoll ins Bein.
2, 3 oder 4, weil man ab und an nicht mehr weiß, ob es jetzt schon das übernächste oder noch das vorletzte Lied ist. Das ist wohl, was Fachleute unter Jam verstehen.

The String Cheese Incident

Was für eine Rhythmusabteilung!
Michael Travis ist ein wahres Groovewunder, percussioniert mit Sticks, bloßen Händen und Füßen wie eine freundliche Krake mit eingebautem Metronom und Keith Moseley hat nicht nur einen fünfsaitigen Bass in der Hand, er benutzt ihn auch. Und damit legen die beiden Herren die Grundlage für all die Herrlichkeit: Da ist so viel Groove, Swing, Rhythmik und letztlich Anschub für den Rest der Band, dass es unweigerlich nach vorne gehen muss. Ganz egal, wie verzwirbelt die Songs sich 10 oder 20 Minuten dahinentwickeln.

Wenn ich schon bei den Fertigkeiten der Musiker bin, dann gehen wir doch direkt zu Bill Nershi an der Lead Acoustic Guitar. Auch wenn er ab und an zur elektrischen Sechssaitigen bzw. zur Slide greift, sein Instrument ist die Akustische. Und damit macht er mehr her, als so mancher anderer mit meterhohen Marshalltürmen im Rücken. Der Mann rockt!

The String Cheese Incident

Dann wären noch der nette Koreaner Michael Kang an der elektrischen (!) Mandoline (!!) und an der Geige (!!!) und Kyle Hollingsworth an den Tasten und Knöpfen übrig.
Ich kann Geige gar nicht ab. Aber was Michael K. macht, ist wunderschön. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist auch dem perfekten Sound anzulasten, niemals kreischt das Ding hässliche Quietschtöne oder nervt in dekadenter Country-Dumpfbackigkeit. Kang streicht eine feine, dezente Violine und der gelegentliche Bluegrass-Jam der Band schmiegt sich drum herum. Und an der Mandoline sondert er puren Rock & Roll ab. Zwischen Dickey Betts und Michael Houser ist da allemal immer ein Plätzchen frei für Michael Kang, in meiner persönlichen Hall of Fame.

Der Tastendrücker in dieser traumhaften Band ist ein Spezialfall. Wechselweise produziert er wärmste Hammond Orgien oder hochtechnoide Electrosounds. Aber selbst die passen ins Konzept, denn Trance und Dance entsprechen durchaus dieser völlig vorurteilsfreien, altmodisch-modernen Jam Rock Mutation. Hey, warum denn nicht einfach mal die Kids mittels Blubbersynthie und ohne Ecstasy zum Tanzen bringen? Geht ja bei mir, vergleichsweise älterem Herrn, auch.

The String Cheese Incident

Nur einmal kam ich etwas ins Schleudern. Da vermischte sich ein absolut lässiger Sunshine-Reggae mit schwermütigem Psychedelic-Sound. Schwermut hin, Sonnenschein her, die Verknotung wurde ruckzuck (eigentlich ein Widerspruch bei dieser Band) durch ein paar Breaks und/oder eingestreute Instrumentalakrobatik aufgelöst und schon konnte das Bein wieder entspannt vor sich hin wippen.

Nach einer Stunde war Pause. Wie im Theater. Da hat man Zeit, sich das Publikum anzugucken. Interessant, gut drei Viertel sind Amis und die sind jung. Sehr jung. Haben Rastalocken (oder das was sie dafür halten) und bunte Klamotten, trinken keinen/kaum Alkohol und nach Shit riecht es eigentlich auch nicht. Times they are-a-changin'... Aber es ist so schön an diesem Abend in der Elserhalle. Am Bierstand werde ich nach vorne gebeten (sehe ich so alt oder so versoffen aus?), einer tritt mir auf den Fuß und entschuldigt sich dafür mit einem Kuss (es war einer, leider) und nach dem Konzert fragen einen etwa 20 Ami-Kids, wie es denn gefallen hätte. Süß. Ganz abgesehen von der kostenlos verteilten Promo-Split-CD mit SCI und Keller Williams (zu dem gibt es ganz bald mehr im HoR!).
Der einzige Miesepampel war die missmutige Trulla am Einlass. Aber die kriegt schließlich nur Geld für den Job und kommt aus München...

Teil 2 der Party dauert dann inklusive Zugaben knapp zwei Stunden und es gibt keinen Spannungs-, Spaß- oder Groove-Abfall. Eiderdaus, da tanzt wirklich die ganze Halle - bis auf ein paar verirrt-verwirrte deutsche Buchhalter, die sich an die Hallenwand drücken.
Man muss das mal in aller Deutlichkeit sagen: Hätte diese Band nicht ihre amerikanische Gefolgschaft, könnten sie sich eine Tour durch Europa direkt sparen! Wo sind die German/Bavarian/Munich Deadheads? Oder waren das die todernsten Menschen mit High-Tech Equipment, die völlig legal die Konzerte mitschneiden?

Bob Marley wabbert durch die Halle, genau richtig verstanden und interpretiert, gefolgt von einem konsequent Spaß machendem Zwanzigminüter ohne Namen und einer langen Kurzversion in Sachen Rockgeschichte: Zappaeskes jagt klassischen Southern Rock, der wird per Blattschuss von einem fetten Funk erlegt (Wonder's Superstition ist vieeel zu kurz!), es wird ge-PINK FLOYDed, BLACK SABBATH kurz erwähnt, Willie Nelson und Johnny Cash gehuldigt, an Santana gedacht, dem Gott Cajun mit den LITTLE FEATs ein Ständchen gebracht und und und. Ständig diese Bilder, diese Farben, alle um mich herum lachen und haben Spaß, ich auch...

Ich hab vergessen zu erwähnen (aber es ist ja noch Zeit), dass alle in der Band singen. Abwechselnd, nacheinander, miteinander, im Duett oder im Chor. Klingt immer klasse.

So, genug bewiesen, dass ich keine Ahnung von Jam Rock habe. Ist mir aber egal, ganz genau wie mir die Setlist dieses Konzerts egal ist. Songs? Pffft, keine Ahnung, nie vorher gehört und das spielt auch keine Rolle, weil nur diese drei genialen Stunden zählen. Man kennt nicht immer die Namen derer mit denen man drei geile Stunden verbringt...
Vielleicht krieg ich ja irgendwann eine Aufnahme dieses traumhaften Konzerts. Ich revanchier mich dann mit einem (legalen) Mitschnitt eines richtigen Southern-Boogie Krach'n'Roll-Gig. Versprochen!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 24.03.2004

Bilder: Adelina Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 23.03.2004

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:
Startseite > Konzertberichte > The String Cheese Incident > München, Georg Elser Halle, 23.03.2004

 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum