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| Sisters of Mercy + Paradise Lost, Stuttgart, Congresscentrum B, 05.03.2001 |
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Die Fürsten der Dunkelheit riefen und alle kamen. Schon kurz nach 19 Uhr drängte sich ein bunt
gemischtes Publikum im Congreßzentrum, um mit dieser Tour den zehnten Jahrestag der letzten Studioplatte
der SISTERS OF MERCY zu feiern. Vom gestylten Gothicjünger bis zum bierbäuchigen Biker war alles
vertreten, doch ohne Frage war Schwarz die dominierende Farbe des Abends. Man sah jede Menge alte Bekannte:
Onkel Fester, Vlad Tepes, Morticia und Gomez, Lestat, Vetter It, nur das eiskalte Händchen war wohl
verhindert.
Bevor ich mich der Musik widme, will ich zunächst die Awards für das grellste Outfit vergeben. Bei
den Damen siegte ganz klar das junge Nina Hagen Double in den 15 cm High Heels, mit hoch geschlitzem engem
langem Lederrock, ultraengem Korsett und einigen Pfund Silikon in der Oberweite. Bei den Herren geht der Preis
an den kahlköpfigen Rollstuhlfahrer, der auf seinem Hinterkopf eine Dämonenfratze tätowiert
hatte. Der Mönch war allerdings auch nicht schlecht.
Bei PARADISE LOST durfte man gespannt sein, inwieweit sie ihr Versprechen wahr machen würden wieder
verstärkt auf harte Gitarren zu setzen, nachdem die letzten Alben One second und Host doch mehr nach
Synthiepop wie nach dem auf Icon und Draconian times nahezu perfektionierten Gothikmetal geklungen hatten.
Nun ja, der Opener Mouth vom aktuellen Album Believe in nothing kam zwar ohne Synthiespielerein daher, klang
aber trotzdem verdächtig nach RADIOHEAD oder DEPECHE MODE. Ab dem zweiten Song aber war dann wohl
der Computer einsatzbereit und das Publikum wurde mit massig Sounds direkt von der Festplatte bombardiert. Man
mag zu diesen Praktiken stehen wie man will, festzuhalten gilt: PARADISE LOST haben gar nichts mehr mit Metal
am Hut, sind aber dennoch in der Lage starke Songs zu schreiben. Natürlich hinterließen die Klassiker One
second und All that is lost einen besseren Eindruck, als das neue Material, dass kaum einer im Publikum kennen
konnte. Doch auch Stücke wie I am nothing, Fader oder Look at me now konnten durchaus überzeugen.
Ich hatte nur ein Problem mit der Performance: Solche Musik muss ich nicht 'live' im Konzert erleben. Das ist eher
was für die eigenen vier Wände. Ein Forever failure oder The last time hätten durchaus gegen die
immer stärker aufkommende Langeweile helfen können, zumal auch auf der Bühne rein gar nichts
passierte, doch den Gefallen tat die Band den Fans der mittleren PARADISE LOST-Epoche nicht. Nach 45 Minuten
lautete mein Fazit: Ganz nett, aber nichts auf das man nicht auch hätte verzichten können.
SISTERS OF MERCY boten einen denkwürdigen Auftritt. Schon kurz nach dem Ende des Sets von PARADISE
LOST wurde begonnen die Bühne 'einzunebeln', was sich hervorragend mit dem Rauchverbot im Congresscentrum
vertrug. Nach einem überlangen Intro in das unter anderem Samples von Will you still love me tomorrow von
den SHIRELLS eingebaut waren, eröffneten Andrew Eldritch und Co die Show mit First and last and always. Der
Sound war schlichtweg beeindruckend. Besonders der fette Drumsound von Doktor Avalanche knallte richtig gut
rein. (Siehe auch
http://www.the-sisters-of-mercy.com/tech/doktors.htm). Genau so beeindruckend der Blick auf
die Bühne, denn da war selbst aus Reihe drei vor lauter Nebel nichts zu sehen. Ab und an durchbrach ein
Tentakel von Herrn Eldritch die Nebelsuppe, doch bevor die Sicht zu gut werden konnte, wurde schnellstens
für Nachschub gesorgt. Einen Gitarristen konnte ich noch schemenhaft ausmachen, aber ob oder wer sonst
noch auf der Bühne sein Unwesen trieb, war beim besten Willen nicht festzustellen. Nach drei, vier Songs gab
ich auf und verzog mich ins Foyer an den Bierstand, wo mir wenig später mein Bruder Alex begegnete. Spontan
beschlossen wir im kommenden Herbst ein SISTERS OF MERCY-Open Air zu organisieren. In der Senke zwischen
Eutingen und Bildechingen hat es eigentlich so gut wie immer Nebel und wenn man dann noch am Auto die
Warnblinkanlage anmacht und ab und an die Lichthupe betätigt, müßte man auch mindestens
2.000 Besucher ziehen und abzocken können. Doch genug des Spottes.
Der Mehrheit im Publikum war es egal, schließlich gab es ohnehin keine Interaktion mit der Band: Keine
Ansagen, kein Mitklatschen, keine 'Macht mal bitte jemand ein Fenster auf'-Rufe. Oben auf der Bühne die Band,
die ihren Set spielte, unten ein Publikum, das sich im Sound verlor, größtenteils mittanzte und zwischen
den Stücken die Band mit Applaus überflutete. Musikalisch ließ die Show ja auch kaum Wünsche
offen. Okay... man kann natürlich wie immer an der Setlist herummäkeln, die einen großen Bogen
um bekanntes Material wie This corrosion, I was wrong, More oder When you don't see me machte. Temple of love
ohne weiblichen Gesang ist auch nur die Hälfte wert, doch das machten Knaller wie Dominion oder das
abschließende Vision thing (die Nummer war härter als alles von PARADISE LOST dargebotene) locker
wett. Auch die Balance zwischen hartem und eher hypnotischem ruhigeren Material stimmte einfach. Zudem war
Andrew Eldritch stimmlich voll auf der Höhe und meisterte nicht nur die Passagen in seiner tiefen
Stammstimmlage, sondern auch die hohen Schreie, die einem durch Mark und Bein gingen. Der zwischenzeitlich
aufkeimende Gedanke, dass ich zuhause mit einer SISTERS OF MERCY-CD genau so viel Spaß gehabt hätte
war schnell vergessen. SISTERS OF MERCY - akustisch ein Festmahl, optisch war eher Schmalhans Küchenchef
und von daher wage ich es zu bezweifeln, dass ich mir die Band, auch angesichts der recht stolzen Ticketpreise,
noch einmal live ansehen werde. Schlecht war es trotzdem nicht.
Martin Schneider (Impressum, Artikelliste), 06.03.2001
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