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| Rüsselsheim,"Das Rind", 16.11.2007 |
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Ein gelungener Abend war das RindProg-Festival im "Rind", Rüsselsheim, einem winzigen Club im weiten Umland von FFM. Maximal 300 Leute faßt dieser Schuppen und ist von geradezu heimeliger Atmosphäre. Lediglich knapp 150 Leute haben an diesem Abend den Weg nach Rüsselsheim gefunden - ein erbärmliches Statement unserer Überflussgeschellschaft. Trotzdem haben die echten Freunde feinen Progs keinen Weg gescheut: der Dortmunder-, Würzburger-, und Stuttgarter-Raum sind vertreten und eine kleine Delegation aus meiner Heimat, dem Saarland, ist ebenfalls anwesend.
Es herrscht eine herrlich entspannte Stimmung: keine Ordner, keine lästigen Taschenkontrollen, heitere Gelassenheit - alle sind gut 'drauf. Bis auf den Veranstalter, was ich bei dieser miserablen Resonanz durchaus verstehen kann, aber auch er macht gute Miene zum guten Spiel. Perfekte Grundbedingungen für einen wunderbaren Abend - und genau so sollte es auch kommen.
Den Anfang machen NEMO, ein Prog-Rock-Quartett aus Frankreich. Die Band um die beiden Masterminds Gitarrist Jean-Pierre Louveton, der hörbar von Leuten wie Steve Lukather und Michael Schenker beeinflußt wurde, und Keyboarder Guillaume Fontaine sind in Deutschland weitgehend unbekannt, obwohl sie in Frankreich immerhin schon 5 Scheiben heraus gebracht haben. Sie wurden herzlich begrüßt und begeistert verabschiedet - veni, vidi, vici wie der Franzose bekanntlich gerne sagt. Nein im Ernst, die Jungs waren, wie mir Jean-Pierre nach dem Gig erzählte, überaus überrascht - mit einer solchen Resonaz hätten sie bei ihrem ersten Gig in D. niemals gerechnet. Die Stimmung im Saal war am Ende der Nacht ziemlich einhellig: NEMO waren die Könige der Herzen.
NEMO erinnern sehr angenehm an SPOCKS BEARD, in den härteren Passagen schimmert etwas DREAM THEATER durch und die Headliner des Abends, THE FLOWER KINGS, haben ebenfalls ihre Spuren hinterlassen, wie man speziell bei Si überdeutlich hören kann. Filigrane Feinstarbeit an den Instrumenten werden mit harmonischem Satzgesang zu komplexen Songstrukturen entwickelt. Geradezu Ohrwurm-Qualitäten haben L'Homme Idéal und vor allem die 'Königskinder' Les Enfants Rois, beide vom aktuellen Album Si Partie II erschienen im Januar 2007. Der Up-Tempo-Fetzer Générateur gefällt mir persönlich am Besten.
Das war kein freundlicher Szenenapplaus, den das Publikum für diese Band übrig hatte, das war echte und ehrliche Überraschung und Begeisterung, die sich die überaus sympathischen Franzosen gründlich verdient hatten. Natürlich ließ man sie nicht ohne Zugabe von der Bühne - NEMO war für mich die Entdeckung des Abends, auch wenn Kollege Gallitz-Duckar, der o.g. CD rezensierte, anderer Meinung sein könnte. Aber live ist's halt immer etwas spezieller.......
Danach ist es Zeit für SIEGES EVEN und es stellt sich heraus, daß eine beträchtliche Anzahl der Fans ausschließlich wegen ihnen gekommen sind. Kein Wunder: die Roots der vier Münchner gehen bis ins Jahr 1986 zurück - entsprechend eingespielt ist die Truppe. Gut, mir persönlich fehlen etwas die Keys, aber Markus Steffen an der Gitarre schließt alle Lücken und glänzt obendrein mit differenziertem, ja filigranem Spiel. Aber den Vogel schießen die Gebrüder Holzwart an Drums und Bass ab - leck' mich am A.....Ärmel, so 'ne heiße Rhythm-Section habe ich schon lange nicht mehr erlebt, enorm dynamisch, punktgenau, brilliant!! Kerle: wieviele Meter hat denn Sänger Arno Menses weggeschnifft, frage ich mich zum Beginn. Wie ich mir sagen lasse, ist der immer so 'drauf:: ständig in Bewegung, man merkt ihm die Vergangenheit als Drummer an, und im Dauer-Clinch mit Bassist Oliver Holzwarth. Ein überzeugender, gelegentlich großartiger Shouter, der mir aber etwas zu überdreht ist, so daß mein Hauptinteresse sich auf den Rest der Band zu konzentrieren beginnt.
Die nagelneuen Songs der gerade erschienen CD Paramount im Gepäck, kommen SIEGES EVEN sofort beim Publkum an, das die ausgedehnten Melodiebögen und Improvisationen von Markus Steffen und die beeindruckende Power der Rhythmus-Gruppe begeistert aufnimmt. Puristen könnte das Einspielen von Synthesizer-Passagen und Background-Vocals mißfallen, wie bspw. bei Duende. Mir persönlich gefällt Unbreakable und The Weight, die "Neulinge" When Alpha Meets Omega, Eyes Wide Open und Leftover sowie vor allem dem Monster-Track The Ones Who Have Failed. Insgesamt ganz sicher die eingängigste Band des Abends und das begeisterte Publikum fordert und bekommt seine Zugaben.
Große Umbaupause für die Headliner des Abends, die FLOWER KINGS. Es sind schon einige skurile Gestalten, die da zu Werke sind. Vor allem der Manager der Band in orginaler lappländischer Tracht ist ein echtes Unikum. Dirigiert wird dieses konstruktive Chaos von ....... [schlagt mich ruhig, ich hab' mir den Namen nicht notiert] dem Toningenieur, der schon für YES an den Reglern saß. Geschlagene 3,5 Stunden hat er beim nachmittäglichen Soundcheck an den Einstellungen gefeilt, und auch jetzt ist er noch lange nicht zufrieden gestellt. Seine Arbeit sollte ihre Früchte zeigen: der Sound war von majestätischer Fülle und gleichzeit bis ins kleinste Detail liebevoll ausdifferenziert - eine wahre Meisterleistung.
Nach und nach kommen die Akteure zum Soundcheck auf die Bühne und aus diesem Soundcheck heraus entwickelt sich der Beginn der Show. Kein theatralisches Brimborium - entspannt, unprätentiös und sympathisch! Mastermind Roine Stolt begrüßt die Fans und mit Love Is The Only Answer vom aktuellen Album The Sum Of No Evil steigen die FLOWER KINGS ins Programm. Dann gleich eine ziemlich alte Nummer There Is More To This World, die Vocals klingen Jon Andersson von YES sehr ähnlich, danach Retropolis und allerspätestens jetzt ist klar wohin die Reise an diesem Abend gehen wird: ins Spannungsfeld zwischen den 70er-GENESIS, CAMEL, YES, GENTLE GIANT, gewürzt mit etwas zappa-esker Genialität. Ja, bei Hudson River Sirens Call driftet es gar in ziemlich freie Jazzformen ab. Aber spätestens mit dem genialen I Am The Sun ist man wieder auf gewohntem Terrain - ein erstes ganz großes Highlight.
Die Stimmung im Saal ist prächtig - die 150 Leutchen machen Lärm als wären es zehnmal soviele - es ist bereits weit nach 1:00 am nächsten Morgen. Publikumsliebling Roine Stolt (Lead-Guitars) unterhält das Publikum mit launigen, leisen Ansagen. Bassist Jonas Reingold, ein hünenhafter Schwede wie aus dem Bilderbuch, baut wuchtige Basslinien bei gelegentlicher Unterstützung von Bass-Pedals auf. Gitarrist und Sänger Hasse Froberg ist der Animateur der Truppe, wie ein Derwisch fegt er über die Bühne. Keyboarder sind bei mir von Hause aus immer unter besonderer Beobachtung. Tomas Brodin setzt auf Synthesizer - für einen stolzen Hammond B3-Besitzer ist dies natürlich ein Affront ;-)), aber einen schönen Moog hat er da, der für angenehm warme Töne sorgt. Nein, an Brodin gibt es natürlich überhaupt nichts auszusetzen - mit seinen Soundwänden ist er schließlich das Rückgrat der FLOWER KINGS. Etwas enttäuscht war ich, als ich im Vorfeld vernehmen mußte, daß der großartige Drummer Zoltan Csörcs nicht mit von der Partie ist. Er wird aber zumindest auf dieser Tour durch den überaus sympathischen Pat Mastelotto, der u.a. schon für KING CRIMSON trommelte, hochkarätig ersetzt.
Gegen Ende der Show lassen Stardust, einer meiner persönlichen Favoriten, und If God Was Alone die Stimmung noch einmal gewaltig aufkochen. Ohne zwei Zugaben werden die FLOWER KINGS nicht entlassen: Blade Of Cain und Sum Of No Reason, dann verabschieden sich kurz nach 2:00 am Morgen fünf ermüdete Schweden vom Publikum. Es imponierte mir, wie sie sich für eine handvoll Fans den Allerwertesten aufgerissen haben - eine absolut professionelle Einstellung und ich denke auch, daß ihnen die Club-Atmosphäre ganz sicher gefallen hat. Dem geneigten Publikum sowieso .....
Ausblick: es stimmt mich schon gewaltig nachdenklich, wenn ein Headliner, wie's die FLOWER KINGS nach meinem Verständnis nun einmal sind, in unserer Überflussgesellschaft noch nicht einmal 150 Leute zu mobilisieren wissen. Wir können nur hoffen, daß es auch weiterhin Freaks geben wird, die sich von solchen deprimierenden Zahlen nicht entmutigen lassen und auch zukünftig kleine Festivals zu organisieren wissen. Das große Geld ist hier mit Sicherheit nicht zu verdienen.....im Gegenteil!!
Versöhnlich stimmt mich das anwesende Publikum: die Wärme und Herzlichkeit mit der die "Nobody's" von NEMO aufgenommen wurden, hat mich gewaltig beeindruckt und gefreut. Die Prog-Gemeinde hat 'mal wieder ihre Offenheit nach allen Richtungen demonstriert - weiter so!!
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