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Und sie lachen doch...

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Im Anschluß an das Konzert im Privatclub am 25.10., mitten im "Kreuzberg des Herrn Lehmann", hatte ich die Gelegenheit für ein Interview mit der Ravensburger Band PUSSYBOX. Dabei stellten sich Matze Erb, der für Bass, Electronics und Backing Vocals zuständig ist, sowie Drummer Marc O'Connor freundlicherweise nach dem Gig und einer flotten Abbauaktion, da der Betreiber den Privatclub zur Partytime nutzen wollte, meinen Fragen.

Home of Rock: Circa 40 Leute beim Konzert heute, wie war es für Euch?

Marc: Es ist auch irgendwie eine Kennenlernphase, auch von der Stadt, eine neue Situation und von daher, auch von der Tour... wir sind nicht mit den Erwartungen in die Tour gegangen, dass wenn jetzt unsere CD erscheint und wenn wir zwei Monate später auf Tour sind, sind die Läden voll... das ist auch gar nicht nötig, wir hatten gestern ein phantastisches Konzert mit 30 - 35 Leuten, was super war. Es hängt in keinster Weise von der Anzahl der Leute ab, wie das Konzert bei uns wird.

HoR: Berlin ist auch wirklich schwierig, mit dem extrem großen Angebot. Ich war gestern bei HARMFUL, da waren auch nur ca. 30 - 40 Leute.

Matze: Wobei man bei einer Band wie HARMFUL auch sehen muss, die bringen ihr 5. oder 6. Album raus... und da muss ich dann sagen, da habe ich einen Riesenrespekt vor solchen Bands, die das dann über die Zeitspanne machen, mit 5, 6 Alben und dann kommen immer noch im Schnitt 30 - 40 Leute, sich da jedes Mal auch aufs Neue zu motivieren.

HoR: Zumal die ja auch einen richtigen Knüppelset abliefern, in 5 Wochen sind sie wieder hier, das ist richtige Knochenarbeit.
Kommen wir zu Euch: Euer Konzert hat mir wirklich sehr gut gefallen, insbesondere fand ich toll, dass ihr die Stücke live so ganz anders umsetzt, das ist wirklich spannend. Man könnte fast meinen, das sind zwei verschiedene Bands. Bei vielen Bands ist es gerade am Anfang so, die stolpern richtig auf die Bühne und schauen, wie sie ihr Album irgendwie auf die Bretter bringen, bei Euch merkt man richtig, dass Ihr Euch Gedanken gemacht habt, wie ihr das live umsetzt.

Marc: Ja es hat auf jeden Fall ein Weilchen Zeit gekostet, bis wir das so umsetzen konnten.

HoR: Das Album selbst hat ja auch einige Zeit zum Reifen gebraucht.

Matze: Ja, nach der Phase mit der Maxi-CD war dann eine Weile Ruhe, es sind zwei Leute ausgestiegen, das hat deswegen so lange gedauert, da wir eine komplette Neuorientierung hatten. Es sind dann auch ganz viele neue Songs entstanden, die Zeit hat es auch gebraucht, denn mit einer Hau-Ruck-Aktion wäre kein Album entstanden, mit dem wir zufrieden sein könnten. Das wäre dann eher so geworden wie zu der Zeit von der Maxi, eine recht unreife Sache.

HoR: Für ein Debüt finde ich die CD auch sehr ausgereift, man merkt, dass Ihr die Zeit auch genutzt habt.

Matze: Ja, wir haben uns Tage und Nächte im Studio um die Ohren geschlagen.

Marc: Man kann sagen, wir haben uns ein dreiviertel Jahr mit der Produktion beschäftigt. Für uns war die Studiozeit auf jeden Fall keine leichte Zeit in dem Sinn, dass man locker und befreit an sein erstes Album herangeht, sondern immer auch so durchwachsen mit kleinen Kämpfen mit dem Produzenten, der gesagt hat, er sieht das so und seine Vision von der Band und wir sehen das so. Das letztlich durchzubringen hat eben auch Zeit gekostet. Wir wollten einen eigenen Gitarrensound haben, und so... schließlich haben wir es über die lange Zeit durch eine gewisse Zermürbungstaktik erreicht.

Matze: Es war subtile Kleinarbeit.

HoR: Ihr seid dann auch zufrieden mit dem Album?

Matze: Bei vielen Künstlern, wenn sie ein Album aufgenommen haben, ist es so, dass sie es selber nicht tagtäglich laufen haben und kriegen da relativ schnell Abstand dazu. Wir haben eigentlich auch schon wieder Abstand zu dem Album gewonnen, dass wir sagen, das ist abgeschlossen und was jetzt folgt muss automatisch eine Weiterentwicklung auch darstellen. Es ist nicht so, dass wir jetzt sagen würden, das ist jetzt der Stand der Dinge, der auch die nächsten Jahre relevant ist. Wir stellen uns da relativ schnell in Frage um gleich auch wieder anzuknüpfen, an den Kurs.

HoR: Ich denke, das ist der einzige Weg, sich weiterzuentwickeln, wenn man sich selbst immer wieder hinterfragt.

Marc: Wobei das bei uns sehr schnell geht, also wir sind eigentlich selten zufrieden.

Matze: Zufrieden meistens in der Minute, in der es geschaffen wird und sobald dann daran herumgefeilt wird, ist es so harte Arbeit, dass man dann ein wenig Abstand dazu hat. Also ich kann auf jeden Fall zu dem Album nicht nur stehen, sondern ich bin auch stolz darauf, das ist ein Teil, das wir sehr gut abgeliefert haben, nicht besser hätten abliefern können, auch wenn man hier und da vielleicht etwas anders hätte machen können. Jedenfalls ist es so gut geworden, dass nur der jeweilige Geschmack darüber entscheidet, ob man es gut findet. Das war auch unser Ziel mit dem Album.

HoR: Und jetzt ist erst einmal touren angesagt ? Mögliche Nachfolge-CD dann danach oder schon parallel dazu?

Marc: Die Tour geht jetzt bis zum 8. November, insgesamt sind es 13 Konzerte relativ verteilt in Deutschland, demnächst nach Berlin in Wuppertal, Hamburg, Wilhelmshaven, eigentlich quer verteilt. Dann werden wir eine weitere Tour spielen im Januar, dann weitere Konzerte, Wochenendsachen und dann die Sommerfestivals, und dann irgendwann die zweite CD. Es ist zu früh, da jetzt schon konkreter zu planen, aber natürlich ist ein Nachfolgealbum ein großes Ziel.

Matze: Es gibt Bands, die liefern ein Album ab, ein Monument und können das so stehen lassen. Aber für uns, denen schon immer der Prozess wichtig war, muss einfach was folgen. Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem wir sagen können: So jetzt sind wir glücklich und können aufhören.

HoR: Wie seid ihr mit der Resonanz auf Eure Liveauftritte zufrieden?

Matze: Ja, wir sind zufrieden, weil wir einfach auch damit gerechnet haben, dass es ein Ziel von uns war, da es nicht die Musik ist, bei der für alle gleichermaßen der Funke überspringt. Es ist für uns interessant zu beobachten, wie die Leute teils mit Enttäuschung, teils zögernd reagieren, aber dann doch auch wieder einige, die es richtig mitnimmt und andere wieder, die etwas verstört sind... so eine Vielzahl verschiedener Reaktionen, die da zusammenkommen, das war auch eigentlich geplant. Wir haben ja auch nicht auf eine bestimmte Käuferschicht hingearbeitet und gesagt, wir machen jetzt eine Platte, die sich, keine Ahnung, nur junge Mädchen kaufen, es ist einfach eine ganz spezielle Musik für Leute, die sich darauf einlassen.

Marc: Im Moment ist es dann einfach auch eine interessante Phase, den Ausdruck der Leute zu erleben, wie sie die Musik live empfinden, manche eben so und manche eben euphorisch.

Matze: Gestern war es so, dass nur 30 Leute da waren, was heißt nur, wir haben uns wahnsinnig gefreut über jeden, und es war auch eine super Stimmung bei dem Konzert. Heute war das Publikum schon eher verhalten. Gestern sind die Leute so beim zweit- oder drittletzten Song so langsam gekommen und am Ende ging es dann richtig ab. Das hat mir auf jeden Fall gezeigt, dass wir Stimmung erreichen können bei einem Live-Konzert, dass es die Leute echt packt und das nicht durch das Pogo-Ding oder durch Rummoshen sondern mehr über emotionalen Ausdruck.

Marc: Früher hat die Leute unsere Musik grob gepackt, da haben sie getanzt von der ersten Minute an und das ist genau das, was wir nicht mehr wollen. Der Altersdurchschnitt ist auch mindestens um 5 Jahre gestiegen von den Leuten, die uns gut finden. Da sind die Leute, die im Raum sind, die bleiben, die sind ruhig und ich erlebe es oft, da sind noch Gespräche außenrum, die Leute, die sagen, wir kucken die Musik an und wenn dann etwas überspringt, das ist wirklich bewegend.
Aber es ist eine Gratwanderung, es ist nicht mehr das Eingängige, es ist schmäler geworden.

HoR: Besonders faszinierend ist das bei It's no good crying, das fängt fast psychedelisch an und endet dann in einem fast Neil-Young-mäßigen Gitarrengewitter, die sich aufbauende Spannung, auch im Publikum, in mehreren Phasen, das merkt Ihr sicherlich live ganz besonders.

Matze: Ja, das sehe ich genauso. Das ist auch die Erfahrung, da geht so ein Schwenk und dann wird es, hmm, ekstatisch wäre jetzt übertrieben, aber da kommen die Leute in eine höhere emotionale Ebene im besten Falle. Also, bei 30 Leuten oder so, ich würde mich nicht trauen, da zu tanzen, dazu bin ich viel zu schüchtern oder verschlossen, deswegen finde ich es immer extrem krass wenn auch bei wenig Leuten sich einige richtig gehen lassen.

HoR: Was ist für Euch spannender, live oder im Studio?

Marc: Das ist eine schwierige Frage. Es ist so, die Gefühlswelten sind total unterschiedlich, ob ich sage, ich spiele ein Live-Konzert und da packen mich einfach manche Momente wo ich sage, so und jetzt wurde eine Verbindung hergestellt zwischen der Band und dem Publikum. Das sind einzelne Momente, nicht das ganze Konzert durch ein Rausch, sondern eher ein "Jetzt ist es passiert". Und wenn ich im Studio bin, kann es sein, es passiert drei Tage lang gar nichts, dann kommt einfach nichts zusammen, dann wurde doch plötzlich etwas rausgenommen und dann fügt sich langsam etwas dazu zu einem Bild. Also für mich ist live das intensivere Erlebnis.
Ja, natürlich auch damit verbunden, dass man direkt 1:1 eine Reaktion kriegt, während auf der Platte, erst Vorspielen und so weiter und das geht eben sehr lange, man lebt relativ lange mit der Entwicklung des Aufnehmens und hier ist es wirklich so, es findet etwas statt, es existiert für einen Moment und springt gleich über.

Matze: Oder auch nicht (Gelächter)

Marc: Eben, oder auch nicht, das ist ja gerade das Spannende daran. Deshalb ist live für mich die noch spannendere Geschichte. Wobei ich natürlich auch sehr gerne im Studio arbeite.

Matze: Also, ich sehe es genau gleich, das Studio ist eher ein etwas zäherer Prozess, da man sich extrem mit der Materie befasst und auch manchmal stecken bleibt. Und dann sehr froh ist für einen Input von außen, wenn einer reinkommt, man spielts ihm vor und dann sagt er seine Meinung und dann kommt man wieder weiter, vielleicht.
Das ist eher hart. Und live ist es so, du musst nur noch die Emotionen einfach fühlen, einfach gehen lassen. Das Spielen geht von selber, im besten Falle (lacht) und es ist schneller und das Feedback intensiver und damit verbunden auch das eigene, gute Gefühl. Im Studio ist alles hart erarbeitet, dadurch dämpft sich das alles ein bisschen.

HoR: Noch eine etwas speziellere Frage zum Abschluss, da wir ja so eine Art E-Zine sind: Was bedeutet für Euch das Internet als Band und als Musiker?

Matze: Also für uns ist es eigentlich heutzutage d i e Plattform um kurzzeitig etwas Neues zu präsentieren, was man den Leuten dann relativ spontan auch zeigen kann.
Newsletter raus, schaut mal auf unsere Seite, da gibt's was Neues, das ist eigentlich eine Plattform, die es vor fünf Jahren noch nicht gab und wir nutzen sie deshalb auf jeden Fall auch aktiv. Was ich dabei auch gut finde, sind die ganzen Internetmagazine, man kann sich weiterhangeln, man kuckt bei der Band auf die Website, klickt auf die Verlinkung, die Informationen sind nützlich, man kann aber auch zu viel Zeit damit verbringen.

Ich bedanke mich nochmals recht herzlich bei Matze und Marc sowie bei Marco (zum Glück hatte ich seine Telefonnummer zur Bestätigung der Location) und Daniela und Annette von Brainstorm.

Ralf Stierlen, (Artikelliste), 25.10.2003

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