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Home of Rock: Julian. Wie ist die Tour bisher für Euch verlaufen ?
Julian Dawson: Nun jah. Die Zeiten der großen Hallen scheinen für unsere Art von Musik z.Zt. leider vorbei zu sein. Wir haben teilweise vor knapp 100 Leuten gespielt. Dabei fielen mir viele junge Gesichter im Publikum auf. Also kommt handgemachte Musik auch hier an. Das lässt die Zukunft ein wenig rosiger erscheinen zwischen all dem dominierenden Medien- und Radiomist.
Und nur unsere Jahrgänge zu motivieren ist zu wenig. Viele der Mitvierziger haben Heim und Familie. Sie sind bequemer geworden und gehen nur noch selten zu Konzerten. Du brauchst den Nachwuchs um auch zukünftig musikalisch überleben zu können.
HoR: Musikalische Einseitigkeit war ja nie Deine Stärke. Wie bist Du damals mit GARRY TALLENT von der E-Street Band zusammengekommen.
J.D.: Ende der 80er bin ich aus einem ganz banalen Grund in Nashville gelandet. Ich wollte mir eine neue akustische Gitarre kaufen.
HENRY GROSS (Singer, Songwriter-Legende mit eigenen Hits und Hits für z.B. Sha Na Na, Blackhawk und Cyndy Lauper) hat mir die gesuchte Martin-Gitarre persönlich ins Hotel gebracht. Und in seiner Begleitung war Garry Tallent. Dort haben wir uns zum ersten Mal getroffen.
Garry lud mich ein paar Tage später ins Studio ein und ich machte zusammen mit Bill Loyd den Chorgesang für Greg Troopers neues Album. Garry war der Produzent. Hier entstand auch die Freundschaft zu BILL LLOYD (Foster and Lloyd). Bei den Aufnahmen beeindruckte mich die unglaubliche Musikalität und Lässigkeit von Garry und ich dachte sofort, der muss mein nächstes Album produzieren.
Ich war bis dahin eigentlich nie ein Springsteen Fan gewesen. Aber Garry beeindruckte mich damals sehr.
HoR: Es war ja kein leichtes Spiel für Dich, Garry als Producer bei BMG durchzuboxen.
J.D.: Die haben sich ganz schön auf die Hinterbeine gestellt. Garry wollte für das Album "Headlines" ausgesuchte Nashville Musiker. Mein Label wollte mir aber europäische Musiker auf's Auge drücken. Musiker von Supertramp und ähnliche Chaoten. Aber dann habe ich mich doch durchsetzen können und zwei sehr gute Alben entstanden mit Garry.
HoR: Trotz allem sind das aber keine typischen Nashville Produktion geworden.
J.D.: Ja. Garry ist nicht der typische Nashville Country Typ. Er betonte immer auch die rockige Seite. Für mich war die Zusammenarbeit eine wahre Erholung nach meiner vorhergehenden experimentellen Phase mit Musikern von CAN und Co.
Garry ist dagegen ein absolut bodenständiger Typ. Jede Überfrachtung der Arrangements war ihm ein Greuel. Er ließ nie mehr als 2 Vocals für den Satzgesang zu und wollte mit den einfachsten Mitteln zum bestmöglichen Ergebnis kommen.
HoR: Damals entstand ja Deine Freundschaft mit z.B. BILL LLOYD und VINCE GILL.
J.D.: Ja, das sind ganz ehrliche und natürliche Jungs. Durch sie bin ich auf den Geschmack beim Co-Writing gekommen. Ich hatte bis dahin alle meine Songs immer alleine komponiert.
Co-Writing hat mich die nächsten Jahre ständig begleitet. Du triffst jemanden, den Du gar nicht kennst um 10 Uhr abends im Hotel und sollst bis zum nächsten Morgen einen Song schreiben.
HoR: Ich stell mir das unglaublich schwierig vor, auf Kommando Songs zu schreiben.
J.D.: Das ist alles einfacher als man denkt. Zuerst triffst Du z.B. auf Vince Gill und denkst "Oh weh - so eine Songwriter Legende - was soll mir da nur gegen einfallen". Aber dann geht es alles irgendwie toll voran.
Der eine hat die Idee, der andere seine und schon ist manchmal nach 2 Stunden ein Song fertig.
Zur Zeit schreibe ich meine Songs wieder allein. Habe aber regen Kontakt zu Bill Lloyd, der auch so ein Power Pop Besessener ist wie ich, aber seine Brötchen in Nashville mit Countrymusik verdienen muss.
HoR: Ich habe Dich vor einiger Zeit als Gast in der Harald Schmidt Show gesehen.
J.D.: Ja, ich glaube Anfang dieses Jahres.
Ich hatte ja mit Roscoe Ghee, und Jumpy Zerlett z.B. das "Real In Disneyland" Album aufgenommen. Dann war von heute auf morgen Schluß mit der Zusammenarbeit, weil mir WESTERNHAGEN die Jungs weggekauft hat. Er konnte mehr als doppelt soviel zahlen wie ich.
Tja, so ist das halt im Showbizz. Heute verdienen sie ihr sicheres Zubrot in der täglichen Schmidt Show. Gerade wenn man auf die 50 zugeht, kann dir finanziell nichts Besseres passieren.
Mein Ding wäre das allerdings nicht. Auch nicht des sicheren Geldes wegen. Ich will meine musikalische Freiheit behalten.
Ich hoffe, ich kann demnächst bei Harald meine neue CD vorstellen. Er war jedenfalls sehr interessiert.
HoR: Nach dem Amoklauf von Erfurt muss die Rockmusik in den Medien wieder als Übeltäter herhalten. Wie ist Deine Meinung dazu?
J.D.: Alles Quatsch. Denk nur an die Hetzjagd auf JUDAS PRIEST nach dem Selbstmord eines Jungen. Der hatte bei seinem Abgang ihre Platte aufgelegt. Angeblich sollten Todesbotschaften in den Texten verborgen sein. Das wurde Gott sei dank gerichtlich zugunsten von Judas Priest entschieden.
98 % der Jugendlichen hören nicht auf die Texte. Das ist in einer aufwendigen amerikanischen Untersuchung festgestellt worden.
Denk nur an die heftigen Texte von AC/DC. Wenn Du aber genau hinhörst, merkst Du wie ironisch das gemeint ist. Ich mag AC/DC.
Dagegen lieb ich solche Schocker und Chaoten wie Marilyn Manson überhaupt nicht. Die wollen mit ihrem Gehabe nur über ihr mangelndes musikalisches Talent hinwegtäuschen.
Aber diesen Leuten die Schuld für solche tragischen Vorfälle in die Schuhe zu schieben ist blanker Unsinn.
Gefährlich finde ich allerdings deren Einstellung: "Ich werde reich durch Schock und Aggression". Geldgier mit allen Mitteln.
HoR: Dein neues Werk "Hillbilly Zen" wird von den Medien als Bluegrass Album gepriesen. Dem kann ich nicht zustimmen.
J.D.: Ja. Du hast Recht. Die kennen die echte Bluegrass Musik nicht.
Es ist eine Mischung aus 70er Jahre Country und Pop. Sicher sind auch Bluegrass Elemente vorhanden. Aber nicht nur.
Für mich war das Album eine Reise zurück in das Jahr 1972 mit Einflüssen von den damaligen tollen Bands oder Musikern wie GENE PARSONS, GRAM PARSONS.
Den auf der CD eingespielten Banjo Song habe ich mit 19 Jahren geschrieben. Doch er hatte all die Jahre in meiner musikalischen Entwicklung keinen Platz auf irgendeinem Album.
Doch jetzt war die Zeit gekommen. Gut Ding will Weile haben.
HoR: Du erwähnst GENE PARSONS. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm auf "Hillbilly Zen".
J.D.: Für mich war die Zusammenarbeit die Erfüllung eines Jugendtraumes.
Mein musikalisches Idol auf meinem neuen Album.
GENE ist einer der nettesten Musiker auf diesem Planeten. Der Preis dafür ist, dass er nicht Millionär ist. GENE hat 30 Jahre keinen Pfennig an den BYRDS Platten verdient. Das hat alles ROGER MCGUINN eingestrichen. GENE wurde damals wie ein Tourmusiker bezahlt.
GENE hat 13 Jahre in einem Trailer gelebt. Jetzt hat er ein kleines Häuschen. So ist das halt.
Die Arbeit im Studio mit ihm war faszinierend. Gene spielt seine Pedal Steel noch genauso wie vor 30 Jahren.
Vor den Aufnahmen hatte Gene 18 Monate keine Pedal Steel mehr angefasst. Doch für ihn war es kein Problem. Das verlernst Du ebenso wenig wie Fahrradfahren.
Was "Hillbilly Zen" so einzigartig macht, ist der sessionartige Charakter. Alles wurde live im Studio eingespielt. Erst spielte ich meinen Gesang mit Gitarre ein, dann folgte der gute Gene mit seinen akustischen Instrumenten.
Da wurde nichts nachträglich getrickst. Und das hören auch ungeübte Ohren.
HoR: Was hältst Du vom Musik-Business insgesamt?
J.D.: Festzustellen ist, dass alle die in der Szene reich und berühmt geworden sind, einen Knall Haben. Und ich meine alle.
Die sind derart abgehoben, dass sie allem Normalen nicht mehr zugänglich sind.
Mir wäre auch etwas mehr Anerkennung lieb, aber nicht um jeden Preis.
HoR: Wie sieht es mit PLAINSONG aus.
J.D.: Ich habe die Band verlassen. Das letzte Album hat mir auch nicht sonderlich gefallen. Das Kapitel ist für mich z. Zt. abgehakt.
Irgendwann werden IAN und ich wieder was zusammen machen.
HoR: Wie verkauft sich Dein neues Album?
J.D.: Blue Rose ist sehr zufrieden. Z. Zt. liegen die Verkäufe, auch in England 3 x so hoch wie beim Vorgängerwerk "Under the Sun".
Einige meinen, der Titel "Hillbilly Zen" würde den Zeitgeist treffen und darum die Leute ansprechen. Andere sagen, das Cover von "Under The Sun", mit den nackten Frauenärschen, hätte viele Fans abgeschreckt. Das sähe mehr nach Hipp Hopp als nach meiner Musik aus.
Ich fand es gut und stehe auch heut noch dazu.
HoR: Du hast ja auch gute Kontakte zu LUCINDA WILLIAMS.
J.D.: Sie ist eine wirklich nette Person, auch wenn sie manchmal (lachend) ein wenig zuviel Wein trinkt.
Vor der diesjährigen Grammy-Verleihung war Lucinda nervlich ziemlich angeschlagen. Sie steht nicht gern im Mittelpunkt, zumindest nicht in solch einem Rahmen.
Wir beide planen demnächst eine gemeinsame Tour. Wann und wo kann ich aber zur Zeit noch nicht sagen.
HoR: Vielen Dank für das Interview.
Joachim Domrath, (Impressum, Artikelliste), 04.05.2002
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