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Einleitende epochale Worte: "Immer wenn eine Rockband auf die Bühne geht, sollte man das sehr ernsthaft sehen - wir haben auch einen Kulturauftrag!" (Hannes "G. Laber" Holzmann - J.B.O., 05.08.2004, 11.07 Uhr)
Eines der Interviews, vor denen man Angst hat. Alle vier Mitglieder von J.B.O. sitzen dem unbedarften Fragensteller gegenüber und der weiß nicht, ob er diesen Hort des Bösen lebend verlassen wird. Vorsichtiges Herantasten, immer nett bleiben, bloß ja nicht widersprechen oder provozieren. Und darauf achten, dass der Fluchtweg zur Tür frei bleibt.
Home of Rock: Die CD ist seit Montag draußen...
Ralph: Sie ist in freier Wildbahn. Ausgewildert. Wir haben versucht, sie draußen wieder zu integrieren und es lässt sich momentan ganz gut an.
HoR: Keine einfache Aufgabe. Manche kommen ja wieder zurück...
Ralph: Ja, manche kommen zurück. Bei uns ist das glücklicherweise bisher noch nicht passiert.
Puh, das war ein guter Einstieg. Keine Gabeln oder Messer bisher in meine Richtung. Möglicherweise liegt das aber auch daran, dass außer Kaffeelöffeln nichts auf dem Tisch liegt.
HoR: Ihr seid eine der wenigen deutschen Bands, die noch einen ordentlichen Deal mit einem Major hat.
Vito: Nicht ganz richtig. Wir haben den Vertrag nicht direkt mit dem Major BMG sondern wir haben bei Lawine den Deal und die Lawine hat beim Major den Vertrag.
Hannes: Insofern könnten BMG uns gar nicht feuern. Es war zum Beispiel so, dass das Label Lawine vor einigen Jahren zu Virgin gewechselt ist und jetzt nachdem es Virgin nicht mehr gibt wieder zurück und wir gehen da einfach immer mit hin und her. Mit dem Major selber haben wir keine Abmachung.
HoR: Sowas wie dem Udo Lindenberg könnte Euch also gar nicht passieren?
Hannes: Theoretisch schon, aber hauptsächlich haben die Majors Künstler rausgeschmissen, die sie auf ihren eigenen Labels hatten, also wo sie auch das finanzielle Risiko hatten. Bei uns haben sie das ja nicht.
Cleverer Schachzug meinerseits. Ich habe ihnen die Zukunftsangst genommen, die Sicherheit des Arbeitsplatzes und der Rentenversorgung suggeriert.
Vito: Aber selbst wenn da was passieren würde, wir zittern nicht davor. Wir täten schon weiter machen.
Siehste!
HoR: "Weitermachen" ist das Thema.
Hannes: Wann kommt die neue CD?
HoR: Gibt's eine neue CD?
Hannes: Hat mich am Samstag tatsächlich einer gefragt. Der meinte nicht die neue, sondern die nächste!
HoR: Was ist in den Jahren nach der letzten CD und unserem Gespräch damals passiert?
Wolfram: Wir haben natürlich viel gespielt und es waren auch einige, hm, Umbrüche im Umfeld. Wir musste wieder mauern. 50 Tonnen Steine.
Hannes: Wir sind aus dem alten Übungsraum rausgeflogen und mussten komplett umziehen. Das ganze Merchandisezeug, die Backline und alles. Wir haben eine Halle gemietet und dort Mauern eingezogen. Und jetzt haben wir eben in einem Komplex den Proberaum, Merch-Lager, Büro, Backline-Lager und gleich noch das Studio vom Produzenten darunter (Christoph Beyerlein). Schon ganz schön praktisch.
HoR: "United States of Blöedsinn" ist auch die erste Platte, die Ihr sozusagen zuhause aufgenommen habt.
Vito: Ja und nein. Die "Explizite Lyrik" (1995) und die "Laut!" (1997) haben wir auch daheim gemacht. "Meister der Musik" (1998) haben wir in Italien, "Sex Sex Sex" (2000) in Teneriffa aufgenommen. Und die "Rosa Armee Fraktion" in Kroatien.
So stellen wir uns das Rockstarleben vor. Cevapcici fressen, in der Sonne braten, Tretboot fahren und billige kroatische Mietmusiker derweil die Platte einspielen lassen. Durchschaut! Aber sie wissen nicht, dass ich es weiß! Begründungen wie "schönes Haus und guter Klang... wollten nicht das Equipment verschiffen sondern mit unserem Zeug einfach dorthin fahren, Zoll, Meerwasser, Klima..." etc. sind nicht schlecht, aber natürlich kriegen sie mich damit nicht dran. Fragen nach dem besten kroatischen Wein erspare ich mir.
Ralph: Dass es dann alles in allem etwas günstiger ist als in Spanien oder Italien, haben wir billigend in Kauf genommen.
Hannes: Und diesmal eben zuhause, weil das alles fertig geworden ist. Und außerdem nagen wir am Hungertuch, weil kein Mensch mehr CDs kauft. Aber eigentlich hat es daheim auch Spaß gemacht, weil alles so schön brandneu war.
Wolfram: Lass uns da mal fünf oder drei Alben machen. Wie das dann aussieht...
Ralph: Das nächste, haben wir eigentlich schon ausgemacht, machen wir in vier Jahren in Nassau auf den Bahamas. Damit habt Ihr mich damals ja geködert.
Hannes: Für die nächste Produktion werden wir eine Insel kaufen!
Wolfram: Ralph, gib es zu, Du hast auf dem Bierdeckel schon Deine Steuervorteile ausgerechnet.
Ralph: Ist schon gemein, erst wird Nassau versprochen und jetzt sind wir an der Stadtgrenze Nürnberg-Fürth. Weißt Du was nächstes Mal passieren wird? Wir werden richtig in Fürth aufnehmen! Weil Fürth wird sich verschieben durch die Gletscherbewegungen und dann ist dieses Niemandsland... wo wir jetzt grad sind, das ist dann Fürth.
Vito: Da wo unser Proberaum ist, stoßen ja auch die Nürnberger und die Fürther Kontinentalplatten aneinander.
HoR: Tektonische Sache...
Ralph: Genau. Tektonen hat aber nix mit Enterprise zu tun. Das sind die Klingonen!
Während vier seltsame Herren in rosaroten Weltraumanzügen noch die günstigeren Proberaummieten in Fürth diskutieren, lege ich mir die nächste Hammerfrage zurecht, werde aber unterbrochen.
Hannes: Ich muss immer wieder darauf hinweisen: Fürth hat die niedrigste Kriminalitätsrate Deutschlands! Im Gegensatz zu Regensburg, die haben die höchste.
Wolfram: Aber wenn man in Fürth erwischt wird, wird man gleich erschossen.
Hannes: Fürth hat keine Uni, Fürth hat brave Bürger!
Vito: In Fürth gibt es auch eine ganze Menge Ausländer die brav sind und nix machen.
HoR: Fürth ist immerhin noch Bayern und die haben Angst vorm Beckstein.
Vito:
Beckstein, Beckstein, alles muss versteckt sein.
(anhören mit RealPlayer)
HoR: Was ist nun das Besondere an der neuen Platte? Ich hab ein bisschen in Eurem Internetforum gelesen und da ist mir aufgefallen, dass einige negative Meinungen zu lesen waren. Das war doch früher nie so.
Der J.B.O.-Chor: Das war schon immer so! Es gab immer Leute die da gesagt haben "öhhh, dös gfälld ma ned" oder "böh, die 'Explizite Lyrik' war besser", das ist so alt wie die "Explizite Lyrik". Nein, die Ansage ist so alt wie die "Laut!". Du hast wohl das Gemecker bei den letzten Platten nicht gelesen!
Wie die über mich herfallen... Aua!
Wolfram: So Moserer schreiben einfach lieber im Internet. Eigentlich ist das Internet ein Moser-Medium. Wir haben schon überlegt, eine neue Seite zu machen: www.wirfindenjboscheisse.de und da gibt es einen kostenpflichtigen Login und da können sich alle anmelden die gerne meckern.
Hannes: Manchmal sind auch Denkanstöße dabei. Deswegen lesen wir das gerne durch und nehmen es auch ernst, aber wir können uns nicht danach richten, das geht natürlich nicht.
HoR: Hat sich an der Herangehensweise an die neue Platte was geändert?
Hannes: Ja! Früher, also bevor die beiden (Ralph und Wolfram) in die Band gekommen sind, war es immer so, dass der Veit und ich uns irgendwo vergraben haben und in zwei Wochen alle Texte geschrieben haben. Dann haben wir beide zuhause die Musik gemacht und die Kassetten verteilt. Und inzwischen ist es nicht mehr so, dass wir beide alles machen, sondern es ist alles durcheinandergewürfelt worden. Die Musik wird von allen vier gemacht, entweder gemeinsam oder alleine. Ein Song ist komplett vom Ralph ("Voll im Arsch). Die Musik ist jetzt definitiv demokratisch und auch die Texte sind teilweise gemeinsam entstanden.
Ralph: Sogar unser Schlagzeuger hat was erfunden! Das ist überraschend, weil die können normalerweise nicht sprechen, rechnen und schreiben...
HoR: Weil die meisten aus Japan kommen!
Hannes: Stimmt, die meisten kommen aus Japan und haben ein Netzgerät.
Wolfram: Wir tragen unser Können einfach nicht so penetrant zu Markte!
Vito: Aber die aus Japan sind gut. Super Timing, manche haben sogar einen eingebauten Hall.
Ralph: Es ist also jetzt demokratisch und früher war es nicht demokratisch. Aber das lag eher daran, dass die beiden früher (Holmer und Schmitti, Schlagzeug/Bass bis 2000 - die beide inzwischen überhaupt keine Musik mehr machen) gar nicht so unbedingt wollten. Es ist schon zeitaufwendig, Texte schreiben, proben, jammen, ausprobieren und so weiter. Das dauert natürlich länger, als wenn Hannes und Veit das alleine machen.
Inzwischen sind die gefährlichen Dinge (Kekse, Tassen, Gläser) vom Tisch entfernt worden. Ich kann also etwas mutiger werden.
HoR: Ich hatte ein bisserl Schiss, dass sich das Thema J.B.O. irgendwann totlaufen würde, vielleicht sogar schon bei dieser CD.
Hannes: Was ist denn das Thema J.B.O.?
HoR: Das, was Ihr seit inzwischen 6 Platten und x Jahren konsequent durchzieht: Gaudi auf Teufel komm raus.
Vito: Satan ist wieder da und so was meinst Du?
HoR: Genau.
Vito: Aber Sachen wie Ich will ein neues Ich ist doch auch nicht Gaudi auf Teufel komm raus.
Wolfram: Es verschieben sich viele Sachen. Ich weiß schon was Du meinst. Wir überlegen natürlich - obwohl die Frage vielleicht besser an Veit und Hannes ginge - ob es noch genug neue Sachen gibt, oder ob das nun noch lustig und cool ist. Viele Ideen bestätigen sich oft erst als cool, wenn man sie dann ausprobiert. Ausprobieren, aufnehmen, schauen ob es überhaupt funkt.
Hannes: Und außerdem, wenn Du mal die erste LP und jetzt die neue vergleichst, dann ist das beileibe nicht das gleiche, da hat durchaus eine Entwicklung stattgefunden. Die ist nicht bewusst von uns gesteuert, aber es verändert sich.
HoR: Aber viele lustige Formate, zum Beispiel im Fernsehen, haben sich nach einiger Zeit abgenützt. Sowas wie "RTL Samstag Nacht".
Hannes: Das kam aber jeden Samstag. Die mussten jeden Samstag neues Material bringen.
Wolfram: Und außerdem kommt bei uns noch die Komponente Musik dazu.
Hannes: Es scheint ja auch Menschen zu geben, denen J.B.O. gefällt, ohne dass sie die Texte verstehen. Wir kriegen von Leuten aus dem Ausland Briefe, die kein Wort Deutsch können. Das heißt, es muss über den Wortwitz hinaus noch etwas anderes geben, das den Leuten gefällt. In Japan verkaufen wir regelmäßig 1.000 CDs. Keine Ahnung, ob das nun Deutsche sind die in Japan leben oder echte Japaner.
Einschleimzeit!
HoR: Mir gefällt die Platte ja auch, Ihr müsst nur lesen was ich darüber geschrieben habe. Vor allem finde ich, dass im Gegensatz zur letzten Scheibe eine hörbare musikalische Entwicklung stattgefunden hat.
Hannes: Das letzte Mal haben vier Musiker, die schon irgendwie routiniert waren, was zusammen gemacht. Und diesmal hat EINE zusammengewachsene Band was zusammen gemacht.
Ralph: Bei der "Rosa Armee Fraktion" hat sich die alte und die neue Arbeitsweise noch ein bisschen vermischt. Ich find sie aber trotzdem genau so cool wie die neue.
Hannes: Ich find aber die neue besser!
Ralph: Ich natürlich auch. Es ist halt ein größerer Schritt zu dieser CD gewesen als zum Beispiel von der "Sex Sex Sex" zur "Rosa Armee Fraktion".
Vito: Es hat sich auch am Sound was verändert. Zum Beispiel haben wir früher bekanntlich viel mit Schlagzeugsounds gearbeitet. Auf der "Sex Sex Sex" waren viele getriggerte und gesampelte Sachen, das ist auf der "R.A.F." fast gar nicht mehr und diesmal haben wir bewusst drauf geachtet, dass zum Beispiel alles mit dem gleichen Schlagzeug und im gleichen Raum aufgenommen wurde.
Wolfram: Wir bedienen uns natürlich auch der neuen Aufnahmemöglichkeiten, ProTools etc., aber wir haben sehr darauf geachtet, die Songs in jedem Stadium noch mal komplett am Stück durchzuspielen. Der Schritt war für mich sehr wichtig. Da hat sich der ganze spielerische Flow erst richtig entwickelt.
Hannes: Im Endergebnis ist jetzt nichts mehr zusammengeschnippelt, sondern alles aus einem Guss. Damit es auch nach einem Menschen klingt und nicht nach Maschine.
Ralph: Wir sind eine der wenigen Bands in Deutschland mit einem Produzenten mit Waschbrettbauch. Der treibt uns aber auch manchmal recht rein. Ich find das gut, weil ich steh auf Produzenten mit Waschbrettbauch.
Auch wenn sich mir der Zusammenhang zwischen Waschbrettbauch und gutem Sound nicht erschließt, wir danken Ralph für diesen denkwürdigen Beitrag.
HoR: Ist das auch eine Frage der Reproduzierbarkeit auf der Bühne?
Hannes: Nicht wirklich. Auf der "Explizite Lyrik" ist wirklich sehr viel getriggert und gradegeschoben und die Songs spielen wir auch live und denken uns nix dabei.
Es folgt ein längeres Gespräch über die Situation der Rockmusik im allgemeinen und in Großstädten wie München im speziellen. Proberäume, Auftrittsmöglichkeiten, Clubszene, Hallenmogule, Deutschquote im Radio etc. Einig sind wir uns darin, dass es schwer ist...
HoR: Ab Anfang Oktober geht es bei Euch mit der Tour los.
Vito: Vorher noch ein paar Festivals. Wacken (war am 07.08.), die Lausitz mit dem Werner-Rennen und dann ab Oktober die Hallentour.
HoR: Was ist wichtiger: Bühne oder Studio?
Wolfram: Live!
Vito: Das sind zwei paar Stiefel. Natürlich ist die eigentliche Arbeit, die eigentliche Bestimmung, gemeinsam auf einer Bühne zu musizieren. Insofern hat der Wolfram schon Recht.
HoR: Ist eine J.B.O.-Tour ein Selbstläufer?
Vito: Nein! Es wäre auch gefährlich, es so zu sehen. Es würde bedeuten, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Um Himmels willen, bloß das niemals.
Wolfram: Spiel immer als wär's das letzte Mal!
Ralph: Es kommen Leute und es sind meistens nicht ganz wenige Leute, aber man merkt schon hie und da die Schwankungen der Branche. Es ist nicht so, dass es bei uns immer voll ist, das muss schon auch koordiniert werden.
HoR: Es sind ein paar weniger Konzerte als bei der letzten Tour.
Vito: Ein paar. Aber wir werden im Frühjahr noch einige Konzerte dranhängen, nur mit Backline und ohne Produktion.
HoR: Merkt Ihr generell auch einen Zuschauerrückgang?
Wolfram: Manche Konzertveranstalter sagen das. Aber wir merken es nicht wirklich. Es ist da mal mehr, da mal etwas weniger, aber man kann keinen flächendeckenden Rückgang feststellen.
HoR: Und bei den CD Verkäufen?
Der J.B.O.-Chor: Ganz deutlich!
Ralph: Wir steigen auf den gleichen Chartpositionen ein wie früher und verkauft wird nur noch die Hälfte. Das ist dann Konjunktur, wahrscheinlich...
Wolfram erzählt, dass auf einer illegalen Internetplattform am Veröffentlichungstag von "United States..." 5.000 Downloads des Albums versucht wurden...
Die Diskussion über illegale und/oder legale Downloadmöglichkeiten und den Verfall der Musikkultur ersparen wir Euch an dieser Stelle. Beide Meinungen dazu bzw. über moderne Techniken wie iTunes etc. sind vertreten, Vito findet sie gut, meinereiner betrachtet das Thema ähnlich wie Hannes skeptisch. Aufhaltbar ist es ohnehin nicht und wenn man, wie Wolfram, die positiven Seiten, z.B. im Marketingbereich sieht, könnten sich vielleicht irgendwann neue Perspektiven auftun.

Blanko Musik haben uns ein Exemplar von "United States of Blöedsinn" zur Verfügung gestellt. Die Band hat die CD signiert und wir verlosten sie an Euch. Eine Frage musstet Ihr nicht beantworten, gewonnen hat einfach der 33. Einsender einer Email mit dem Stichwort "J.B.O.".
Wir waren blauäugig! Eigentlich hätten wir nicht den 33. sondern den 333. oder 666. Einsender zum Gewinner erklären sollen. Unfassbar viele Emails erreichten uns. Gewonnen hat trotzdem #33 und das ist Karin aus Marbach. Have fun!

Herzlichen Dank an Wolfram, Ralph, Hannes und Vito und an Hage Hein von Blanko Musik.
Nachtrag: Dieses Interview ist komplett bilderfrei. Schuld ist die Band, weil sie mich nicht erinnert hat, dass ich ja den Photoapparat in der Tasche hatte.
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