Nach dem wirklich sehr stimmungsvollen Konzert von Hank Shizzoe und seiner Band Loose Gravel (das wir wegen
Alvin Lee nur ab dem zweiten Set sehen konnten), gab es für uns die Gelegenheit mit Hank (der eigentlich Thomas Erb
heißt) eine halbe Stunde zu plaudern.
Da wir drei (Adelina, Werner, Fred) bis zu diesem Abend leider noch nichts von Hank kannten, war das Gespräch
zuerst mal von einigen grundsätzlichen Fragen geprägt. Lest selbst:
Home of Rock: Wichtige Frage zum Anfang. Hank Shizzoe klingt nicht sehr schweizerisch. Was ist das?
Hank Shizzoe: Na, so heiß ich nun mal.
HoR: Lüftest Du das Geheimnis für uns?
H.S.: Da müsst ihr euch schon selber drum kümmern. Lest einfach mal zwei, drei Sätze auf meiner Homepage
(www.hankshizzoe.com).
HoR: Wir sind heute abend leider erst zum zweiten Set hier angekommen...
H.S.: ...schön blöd...
HoR: Ja. Wir waren vorher bei Alvin Lee und mussten uns langweilen lassen.
Erzähl uns doch bitte ein bisschen von Hank Shizzoe und Loose Gravel. Ihr habt 4 CDs, seid heftig auf Tour, aber
ihr macht eine doch relativ sperrige Musik.
H.S.: Was findest du sperrig?
HoR: Immerhin ist es nicht sehr kommerziell.
H.S.: Doch, könnte es aber sein. Wenn ich da an Mark Knopfler denke, der von seiner letzten Platte grade
2 Millionen Exemplare verkauft hat. Das würde ich kommerziell nennen. Und diese Musik ist nicht so weit von meiner
entfernt.
HoR: Stichpunkt Mark Knopfler. Einfluss?
H.S.: Natürlich, klar. Aber ich sag' das jetzt nur als Beispiel für jemanden, der auch relativ "sperrige und
nichtkommerzielle" Musik macht, aber sehr gut CDs verkauft.
Das ist vielleicht für viele Leute überraschend, aber für mich überhaupt nicht. Wir müssen uns nur nicht verarschen
lassen und uns vorschreiben lassen, was für Musik wir hören sollen. Es gibt sehr viele Leute, die glauben uns sagen
zu müssen, was gute Musik ist, und was nicht.
Also sperrig würde ich unsere Musik überhaupt nicht nennen. Irgendwo ist das sogar sehr mainstreamig. Bloß hat
sich der Mainstream etwas verschoben...
HoR: Naja, vielleicht müssen wir das ein bißchen anders sagen. Deine Musik klingt halt für jemanden, der
nicht tiefer reinhört, nicht besonders spektakulär.
H.S.: Na gut. Man müsste mal über "spektakulär" generell reden. Es gibt Leute, die können mit einem Ton ein
Solo machen und es ist absolut spektakulär. Es gibt Leute, die können zu 5, 10 auf der Bühne stehen, im Schnitt 90
Jahre alt sein und aus Kuba kommen, und es ist vollkommen spektakulär. Für andere Leute ist das stinklangweilig. Mich
langweilt vieles aus der Popmusik enorm und ich finde dann jemand wie einen Musiker aus Mali sehr spektakulär.
Es gibt letztlich nur zwei Arten von Musik. Musik die einem gefällt, und Musik die einem nicht gefällt.
HoR: Ich würde sogar noch weitergehen. Es gibt Musik, die gefällt mir zwar nicht, aber ich kann bewerten,
dass die Musik an sich sehr gut ist.
H.S.: Jaja, aber eigentlich bewertet man doch nachdem, was man mag und was nicht. Und alle dürfen das
mögen was sie wollen. Und das ist dann spektakulär. Ich kann dir mit Sicherheit 10 Platten sagen, die mir gefallen, und
mit denen du nichts anfangen kannst. Das könntest du umgekehrt sicher auch.
HoR: Mal für den einfachen Musikhörer wie mich. Wo liegen Deine Einflüsse?
H.S.: Grundsätzlich könnte man das mit der amerikanischen Musik zusammenfassen.
HoR: Also Americana?
H.S.: Nein. Ich würde sagen, amerikanische Musik. Americana ist eine Marketingerfindung. Mittlerweile wurde
der Begriff in der sogenannten Industrie auch wieder abgeschafft. In Amerika interessiert das kein Schwein, was
Americana ist. Das wird dann Alternative Country, oder New Country, oder irgend so ein Schwachsinn.
Ich würde sagen, ich mache Rockmusik, die aber ihre Wurzeln hat in der früheren amerikanischen Musik. Sowohl
weißer, wie auch schwarzer Musik. Logischerweise fühle ich mich den Leuten verbunden, denen es auch so geht. Und
das geht dann von Billy Gibbons von ZZ Top, über Ry Cooder, oder Hal Landers. Es gibt unzählige Leute die wirklich sehr
sehr gute Musik machen. Ich höre auch gern Dana Washington und Vocal Jazz aus den sechziger Jahren. Und ich höre
auch gern Musik aus Mali und sogar zum Teil moderne Popmusik.
HoR: Wie kam es dann, daß Du grade diese Musik machst?
H.S.: Ich denke, das ist für uns alle der selbe Zugang. Wir wachsen in Europa auf, hören Radio, sehen fern.
Und für uns war das zu einer Zeit, als man den Radio anschalten konnte, und es kam dann Creedence Clearwater
Revival oder Bob Dylan. Das ist ja heute auch schwieriger...
So kam es halt bei mir. Entweder ist das erste mal Elvis Presley sehen oder hören eine Erleuchtung, oder eben
nicht.
HoR: Der Christoph (Müller, Manager. Red.) hat mir erzählt, daß Du deine CDs unter relativ ungewöhnlichen
Umständen aufnimmst.
H.S.: Ja, ich nehme sie nicht wirklich im Studio auf. Ich mag Studios nicht besonders. Respektive, die Studios,
die ich mag sind, sehr teuer. Das ist das Problem. Wenn ich 3 Monate in Los Angeles ins Oceanway Studio könnte,
hätte ich nichts dagegen. Aber Studios sind oft genug und perverserweise musikfeindliche Umgebungen. Weil sie sehr
klinisch sind. Und weil du immer das Gefühl hast wie in einem Taxi. Da läuft immer der Zähler. Und ich steh mehr drauf
zu sagen, heute nachmittag um 3 ist wahrscheinlich nicht so unser Tag. Dann gehen wir einfach ein bißchen spazieren,
essen was gutes und machen morgen weiter. Das geht natürlich im Studio nicht.
Ich nehme also lieber einen Ort der mir gefällt und schleppe das Studio dort hin. Das machen übrigens viele Leute
so. Zum Beispiel Daniel Lanois. Der arbeitet nur so.
HoR: Wie schwierig ist so eine Arbeitsweise in der Schweiz?
H.S.: Ebenso schwierig wie in Venezuela oder in Deutschland. Kein Unterschied. Es ist ja nur die Frage, wie
bringt man die Musik zu den Leuten. Über das Top 40-Radio sicher nicht. Oder über Viva 2.
Es gibt viele Leute, die sich über diese Situation beklagen. Aber eigentlich tragen wir doch alle Verantwortung
dafür. Weil, wenn man sich gegen diesen ganzen Scheiß, der auf uns losgelassen wird, wehren würde, dann würde man
auch uns eher zuhören.
HoR: Dann bist Du bei uns genau richtig. Weil wir genau diese Leute ansprechen, die nicht den Popmist hören
wollen.
H.S.: Ja, aber ich nehme an, ihr habt jetzt auch nicht grade 80.000 DM Budget für Promotion zur Verfügung.
HoR: Na, knapp drunter...
H.S.: Genau das ist das Problem. Sieh dir mal an, was jemand wie Phil Collins macht. Das ist weniger weit
weg von meiner Musik als zum Beispiel Prodigy. Aber da steckt viel Kohle dahinter. Man müsste einfach einen Zugang
haben zur großen Kohle und zu den farbigen Seiten in den Zeitschriften und zu den Werbeflächen. Sonst geschieht
eben nicht viel.
Aber das ist kein Grund sich zu beklagen. Wenn mehr Leute Sonny Landreth hören würden als Britney Spears,
dann wäre Landreth gut in den Charts vertreten.
HoR: Aber der Bauch von Britney ist einfach schöner.
H.S.: Ich kenne Sonny Landreths Bauch nicht. Das ist halt das Gesetz der Marktwirtschaft. Es schauen sich
ja auch mehr Leute Thomas Gottschalk an, als irgendeinen französischen Film auf Arte.
HoR: Zurück zur Musik. Ich höre ganz viele Einflüsse. Natürlich Knopfler, J.J. Cale, Allman Brothers...
H.S.: Nicht bewusst. Ich war nie ein Allman-Hörer. Die anderen Einflüsse sind alle die, die du gesagt hast und
die sich oft auf meinem Plattenteller drehen. Tom Petty zum Beispiel. Oder natürlich Dylan. Im Moment grade die letzte
Johnny Cash Platte. Ein Meisterwerk diese Platte.
HoR: Unser Kollege Manni, der im HoR das Review zu Cash gemacht hat, sagt, daß er bei der Platte mit den
Tränen gekämpft hat.
H.S.: Ja, kann gut sein. Cash ist jemand, der gegen das Ende seines Lebens zugeht, und der aber
offensichtlich, trotz all dem Scheiß der ihm begegnet ist, immer noch eine Art hat, darüber zu stehen. Ganz
außergewöhnlich, was der da macht. Und außerdem singt Tom Petty auf zwei Songs mit. Wenn ich in Pettys Band
spielen könnte, ich würde es sofort tun.
HoR: Mal eine Frage für die Gitarristen. Du hast 5 Gitarren und eine Mandoline...
H.S.: ...eine Bouzouki...
HoR: OK. Und zwei Gitarren habe ich nicht gekannt.
H.S.: Ah, die Plastikgitarren. Das ist so, die eine heißt Supro, die andere Silvertown. Das sind
Warenhausgitarren aus den 50er und 60er-Jahren. Sehr billig, aber soweit es mich betrifft, ziemlich unerreicht im
Klang. Vor allem für Slide.
HoR: Wenn Du einen neuen Song schreibst, weißt Du dann schon, welche Gitarre Du dafür verwendest, oder
ergibt sich das erst später.
H.S.: Ich schreibe die meisten Songs auf akustischen Gitarren. Die spiele ich aber live nicht. Das ergibt sich
also unterwegs so. Es geht ein bisschen nach Tunings und nach technischer Spielbarkeit. Meistens ist es ziemlich klar,
ob ich die Les Paul, oder die Tele, oder eine andere nehme. Bei der Entstehung eines Songs spielt das keine Rolle.
Einfach mal sehen, was dann daraus wird.
HoR: Wenn ich es richtig sehe, dann könntest Du jederzeit auch in einer Hardrock Band spielen...
H.S.: Kommt auf die Definition von Hardrock an. Das ganze lächerliche Judas Priest-Zeug würde mich nicht
reizen. Wenn wir in der Band einen vierten Mann bräuchten, dann wäre mein Wunschkandidat Billy Gibbons. Weil Billy
für mich sehr nahe am Idol ist. Mal abgesehen von dem, was er kann, er hat einfach viel mehr zu bieten als er ahnen
lässt. Ein sehr interessanter Mensch. Der ist seiner Zeit um mindestens 20 Jahre voraus. Der Billy ist wirklich in der
Avantgarde zuhause, obwohl er eigentlich ein Hardrocker ist. Das neue Album ist in den letzten Jahren mit vom besten,
was ich gehört habe.
HoR: Da kann man aber drüber diskutieren. Diese fies abturnenden Technologie-Sounds.... Andererseits sind
natürlich ein paar tolle Songs drauf.
H.S.: Jaja, für dich. Meine Welt ist das auch nicht, aber so wie der das macht. Wahnsinn.
HoR: Gibbons hat ZZ Top immerhin auf den Weg von heute gebracht. Modern, kommerziell etc.
H.S.: Aber jetzt ist er soweit, das er das teuerste Equipment der Welt hat und es klingen läßt wie einen
Haufen Müll. Das muß man erst mal machen. Der geht natürlich mit dem gleichen Zeug ins Studio, wie alle anderen auch.
Aber bei ihm klingt es wie über ein altes kleines Radio. Das ist Avantgarde. Der geht mit Konzept und sehr viel
Philosophie daran, und er weiß genau, was er tut. Da ist nichts dem Zufall überlassen. Der ist ein Fanatiker. Mir gefallen
diese Techno-Spielereien auf der Platte, weil sie so witzig sind.
HoR: Gibbons, Cash, Petty und Dylan sind ja etwas ältere Semester. Gibt's auch jüngere Favoriten?
H.S.: Ja klar. Jemand den ich mag ist Sheryl Crow. Die wird zum Teil sehr unter ihrem Wert verkauft. Weil sie
eine hervorragende Songwriterin ist, eine gute Sängerin und eine ausgezeichnete Bassistin, was kaum jemand weiß.
Wen ich auch sehr mag ist Wyclef Jean von den Fugees. Ein ganz abgefahrener Typ. Der ist noch ganz jung, Mitte
20. Den find ich gnadenlos. Er hat sein erstes Soloalbum draußen, "Carnival". Ich bin kein Hip Hop-Fan, aber das
ist wirklich toll.
HoR: Warum spielst Du mit einem Bassisten, der Kontrabass spielt? (Michel Poffet, HoR)
H.S.: Weil er damit ankommt. Ich will einfach, dass Michel Bass spielt. Wenn er das auf dem Kontrabass tun
will, soll er. Nein, im Ernst. Er kommt vom Jazz. Und das ist halt sein Instrument. Und für unser Trio ist es auch ziemlich
perfekt. Wenn jemand E-Bass spielt, dann soll er das tun wie Nick Lowe...
HoR: Der britische Pub-Rocker?
H.S.: Ja der. Einer meiner Lieblingsbassisten. Abgesehen vom Michel natürlich. So wie Michel Kontrabass spielt,
da gibt's eigentlich nicht viel hinzuzufügen.
HoR: Wir bedanken uns bei Dir.
Ausserdem bedanken wir uns einmal mehr für die Unterstützung beim Team der Rother Blues-Tage, insbesondere bei
Ruth Kiefer und Monika Angerer, sowie bei Christoph Müller.
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