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Hall of Shame

Diedrich Diederichsen

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Mein Lieblings-Pop-Denker, Musikwissenschaftler, Zeitgeist-Philosoph, Wortschwurbler, ex-Spex-Mastermind und Vorzeige-Intellektueller, Diedrich Diederichsen hat wieder zugeschlagen.

Im gestrigen Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erschien ein Aufsatz mit dem Titel «DIE GEGENKULTUR - 68 war Revolte, 77 war Punk - warum nur 68 zum Mythos wurde». Ellenlang und nahezu hundertprozentig unverständlich. Im folgenden einige Zitate. Ich gebe zu, völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Nur aus welchem ist mir nicht klar.

»Man muss sich 68 als grosse bürgerliche Revolution vorstellen...Wie die letzte Sequenz bürgerlicher abendländischer Umwälzungen zwischen 1776, 1789 und 1848 basiert sie auf irreversiblen ökonomischen, politischen, kulturellen und wissenschaftlich-technischen Veränderungen, die den Rebellen das Gefühl geben, auch gegen Rückschläge historisch im Recht zu sein».

Was haben die 68er erreicht? Laut DD: Den hedonistischen Kapitalismus und man hat einen Kommunitarismus (so sagt DD) der Unmittelbarkeit gegen den alten Geist des protestantisch-arbeitsethischen Kapitalismus gesetzt..

»Man entdeckte die Lockerung als Produktivkraft,..., die Boheme als kulturelle Kommandozentrale - und schliesslich auch die Sexualität, das Andere, den Blues: nicht als Negationen, sondern als produktive Erweiterung des Bestehenden». Tja DD, da waren uns die Baumwollpflücker voraus. Die haben schon lange vor Dir den Blues entdeckt und wild rumgevögelt.

Schlussfolgerung: «Das wichtigste an 68 und den Folgen war: Kommunikation, Handel, Tausch». Aha. «Die Ware jedoch beleidigt die bürgerliche Idee individueller Entfaltung, sie beleidigt die Residuen ungeklärter oder metaphysischer Subjektivitätsvorstellungen».

»Als aber klar war, dass eine andere Welt erst einmal nicht zu haben war, entstand eine Gegenbewegung zu 68, nennen wir sie, nach ihrem auffälligsten Datum, 77: das Jahr von Punk und Stammheim. Die war die Korrektur von 68». Hier also, kurz vor Halbzeit des Aufsatzes der erste Begriff aus der Musik. Immerhin.

Was ist 77 passiert? «...eine grosse philosophische Revision. Vernunftskritik. Abschied vom Freudo-Marxismus. Gulag-Katzenjammer. Stammheim». Ein paar Zeilen weiter, das Fazit: »Aber im Unterschied zu 68 wurde 77 nie hegemonial. Man löste die 68er nie ab: 68 ging weiter bis heute, 77 auch, aber darunter, daneben». Laut unserem Chefhistoriker kann man sich seither einen der beiden Wege aussuchen. Das helle, globale, universale Bild von 68. Oder das dunkle und verbiesterte 77. Das bedeutet ja, mein lieber Menschheitseinordner, dass ich ein Zwitter bin. 68 zu jung um «auf der historischen Lichtspur» zu reisen, 77 zu fröhlich um meine politischen Ideen ausleben zu können. Denn, man wollte 77 «...Kommunikation erschweren, Geschichte verlangsamen, sich allenfalls darin verständigen, dass man sich nicht verständigen wollte».

Aber, unsere Lichtgestalt meint: «68 schritt weiter voran. Von Kommunikationsutopie zu Kommunikationsutopie. Von Woodstock über Habermas zum Internet». Dies mag der Grund sein, warum heute auch solche ehemaligen 68er Computer bedienen können. Verrat!

»77 war die Romantik zur Aufklärung von 68. Und Sid Vicious war der Novalis. Er fand heraus: My Way - das bürgerliche Evangelium - endet bei Tod und Selbstmord». Na sauber. In meinen Augen war Vicious kein Romantiker, sondern ein kleiner Junge, der 5 Minuten berühmt war und seine Drogensucht nicht in den Griff bekam. Und wenn man schon Punk bemüht, dann bitte nicht die Sex Pistols, sondern echte Punks. Und die gab es schon weit vor 77. Oder ist das, was die Sex Pistols vor einigen Jahren mit ihrer Reunion gemacht haben etwa Punk?
«77er wurden Tribalisten...». Wenn damit gemeint ist, diese Generation wurde gleichgeschlechtlich (ich vermute, im Sinne von gleichförmig, uniformiert, eine Sippe), weil sie sich «unter einem unverständlichen Symbol» zusammengerottet haben, was waren dann die Nazis? War denen auch die Möglichkeit verwehrt «sich und andere zu verstehen»?

»Pop war dann noch einmal ein Versuch, wo auch Romantiker ins Helle finden konnten. Hier traf sich noch einmal die Kommunikationsutopie der 68er mit den verstockten Tribalismen der 77er...Pop war eine Option der achtziger Jahre». Dies würde bedeuten, vor den achtziger Jahren gab es keinen Pop. Alles was vorher in den Hitparaden war, war kein «...hedonistischer Kommunikations-Kapitalismus...». ,God save the Queen' ist demzufolge bis heute unverstanden. Nur wenn die ,ersten' Pop-Künstler dieses Lied in den 80ern geschrieben hätten, dann wäre es verstehbar gewesen. Soso.

Da der sogenannte «Spasskapitalismus» in den 80ern gebacken wurde, sind offensichtlich alle Versuche früherer Fluchten aus real existierenden Problemen und die Abzocke durch gewiefte Manager Makulatur. Die Tanzpaläste (mit zugehöriger Musik und Kokain) der 20er Jahre, die Fresswelle in D-Land in den 50ern, Elvis und sein Colonell; die Beatles in den 60ern, ABBA in den 70ern? Was war denn das? Ein ernsthafter Versuch, der Welt Kultur zu vermitteln?

Ein letztes DD-Zitat: «Um so verzweifelter waren die Versuche der 77er, Zusammenrottungen zu bilden und Kanäle zu verstopfen. Das Ende der Option ,Tribe' war dann die Zusammenrottung der neuen Nazis - oder ist das nur die ultimative Erpressung durch die 68er, zurück in die freundlich-kommunikative Welt zu finden?»

Meine Güte. Bei aller Unverständlichkeit und Geschichtsverzerrung durch unseren prophetischen Ideologieprofessor Daniel Düsentrieb, mir bleibt da nur ein letztes Zitat. Diesmal von Herbert Wehner und relativ klar. «Lachen Sie mal. Aber nicht höhnisch, sondern über sich selbst».

Mit Verlaub und kopfschüttelnd

Fred Schmidtlein (Impressum, Artikelliste), 25. Februar 2001

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