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Blutspur durch Lalaland
&
Ein großer Tag für die Rockmusik

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Drei Fragen beschäftigen den Bürger dieses Landes derzeit und alle drei Themen haben mit Blut zu tun.
Da wäre an erster Stelle die Frage, welchem Costa Ricaner Robert Huth am 9. Juni ein Bein via (Blut-) Grätsche amputieren wird, dann natürlich die Mordserie im bayrischen Oberland, für die bezeichnenderweise ein jugendlicher Braunbär mit Migrationshintergrund verantwortlich ist, und seit letztem Samstag geht ein donnerhallender Aufschrei der Empörung durch die Reihen braver Musikhörer: Die ekelhaften Horror-Rocker LORDI haben den Eurovision Song Contest gewonnen. Wie konnte das passieren?

Bis zu 12 Millionen Deutsche haben die dreistündige Sendung gesehen. Davon knapp 1,3 Millionen 14- bis 29-Jährige (die Kern-Zielgruppe). Zuzüglich einige Zehntausend, die die Show in irgend einem Club oder bei einer der vielen eigens veranstalteten "Vote for Lordi"-Partys verfolgten. Alles potentielle Televoter, die gerne den halben Euro für ihren Anruf ausgaben. Ergebnis: In Deutschland erhielten LORDI die zweitmeisten Stimmen, übertroffen nur von den hier beheimateten Türken, die die ziemlich ansehnliche Sibel Tüzün wählten. Leider liegen uns keine demoskopischen Daten vor, die besagen, wie viele dieser Anrufer ihre eigenen Ehefrauen ausschließlich mit Kopftuch aus dem Haus gehen lassen und ihre Kinder zur Koranschule schicken.
Kleines Scherzchen am Rande. Der Eurovision-Homepage des NDR ist zu Frau Tüzün folgender Satz zu entnehmen: "Musikalisch ist Sibel Tüzün in zwei Welten zu Hause: 1988 schaffte sie die Aufnahmeprüfung für das Staatliche Istanbuler Observatorium und belegte das Fach 'Oper und Konzerte'." Fein. Oper in der Sternwarte wird ausschließlich in Istanbul gelehrt und der verantwortliche Redakteur des NDR hat leider keinen Hintergrund. Weder migrationstechnisch noch sonstwie.

Insgesamt wurde der Contest von über 100 Millionen Menschen live verfolgt (darunter 10 Millionen Briten, 8 Millionen Griechen, 5 Millionen Spanier). Der für die Stimmzählung verantwortliche Provider (eine Firma aus Köln) veröffentlicht keine Zahlen über die tatsächlich eingegangenen Anrufe. Bekannt wurde nur, dass 42% LORDI wählten. 42% aus 38 teilnehmenden Ländern! Nur aus Andorra, Rumänien, Malta und Frankreich bekamen die Finnen 0 Punkte. Die Franzosen wurden übrigens kürzlich in einer Umfrage zum humorlosesten Volk Europas gewählt. Den Sieg errangen LORDI in Norwegen, Estland, Zypern, Holland, Polen, Bosnien-Herzegowina, Israel und Griechenland, dazu kamen noch sechs zweite Plätze.
Rock ist die Musik der Zukunft!? Blödsinn! Es ist nur superleicht, die eventhungrigen Kids zu aktivieren, sei es nun für LORDI oder Stefan Raab oder den Papst. Dazu dürfte noch die diebische Freude an einer kleinen anarchistischen Missetat kommen - immerhin hebelt man kinderleicht und in nur 10 Minuten Abstimmzeit eine über Jahrzehnte verkrustete, ultrakonservative Spießerinstitution aus. Früher sabotierte man Schultüren mit Uhu, heute greift man zum Handy und tippt LORDI. Dass es sich um beinharte Fans handelt, ist natürlich Quatsch. Die 2005er Tour der Band fand in solch riesigen Locations wie der Stadthalle Lichtenfels oder dem Club Alte Spinnerei in Glauchau statt und die europaweiten CD-Verkäufe entsprechen exakt denjenigen anderer Rockbands aus der dritten Liga.

Wir halten fest: Eine europaweit per Internet verbundene Jugendkulturszene hat sich verabredet und dem Establishment ein Bein gestellt. Dass ausgerechnet LORDI Objekt des Hype wurden, ist purer Zufall. Die Anziehungskraft halb ausgezogener Silikonwunder aus Kroatien oder autistischer a cappella Stotterer aus Lettland hält sich bei Jugendlichen in engen Grenzen, lustige Fledermausflügel und eine Maske die dem leibhaftigen Lemmy nachempfunden ist, machen da doch wesentlich mehr Laune. Das Liedchen Hard Rock Hallelujah spielt dabei die kleinste Rolle, es handelt sich nur um ein leicht schepperndes Ding aus der KISS-Restmülltonne. Die wollten den Song nämlich schon vor 33 Jahren wegen Banalitätsalarm nicht spielen. Und das heißt bei KISS einiges. Viel wichtiger ist die wundervolle Promotion durch die BILD-Zeitung, die im Vorfeld nichts besseres zu tun hatte, als ausgerechnet Nicole (remember Ein bisschen Flieder) nach ihrer maßgeblichen Meinung zu befragen (sie findet es grässlich). Nachträglich haben wir aus der Hamburger Bildungsbürgerlektüre noch gelernt, dass Tomi Putaansuu, Mr. Lordi, auf "Folter-Sex" steht und die Maske nicht im Bett trägt. Was wohl Nicole Seibert bevorzugt? Siegel-Strapse und Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund als Dirty Talk? Oh, Maledictio..., immerhin hat sie 1981 das "Goldene Schlager(strumpf)band" für ihren Hardcore-Schlager gewonnen.

Zurück zum "Wildtier des Jahres 2005", dem Braunbären. Das Vieh ist laut Bayerns Umweltminister Schnappauf außer Rand und Band und hat den Schießbefehl geradezu provoziert. Schnappauf hält sich derzeit in einem einbruchssicheren Bärenschutzbunker auf und sondiert mit einem Krisenstab die Lage. Herr Klinsmann, übernehmen sie!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 23.05.2006

Samstag, der 20. Mai 2006 - Ein wahrlich großer Tag für die Rockmusik. Wie? Was? John Lennon ist von den Toten wiederauferstanden? LED ZEPPELIN haben sich reformiert? Ozzy Osbourne ist endgültig in Rente gegangen?
Leider drei Mal knapp daneben, und auch gar kein Vergleich zum tatsächlichen Ereignis. Die finnischen Monster-Rocker LORDI gewinnen in Athen mit überwältigendem Vorsprung den Eurovision Song Contest (ESC), ehemals Grand Prix d'Eurovision de la Chanson.
Das mag den Einzelnen vielleicht ein müdes Gesäßrunzeln kosten, doch wenn man sich die Konsequenzen des Ganzen vor Augen führt, dann bekommt dieses Ereignis eine außergewöhnliche Dimension.

Objektiv betrachtet ist Hard Rock Hallelujah, der Siegertitel, ein relativ belangloser, hymnischer Hardrock-Stampfer, eine altbackene Ansammlung ausgelutschter Klischees. Auf eine normale LORDI-CD hätte es der Titel selbst dann nicht geschafft, wenn die Plattenfirma auf zusätzliche drei Minuten Spieldauer bestanden hätte, weil es der Vertrag so vorsieht. Und ehrlich, beim Chorgesang der Keyboarderin rollen sich einem die Zehennägel auf.
Es sagt viel über die Qualität der gesamten Veranstaltung, dass Hard Rock Hallelujah trotzdem zu den zwei, drei anspruchsvollsten der dargebotenen Kompositionen gehörte und immer noch locker das Geträller des ukrainischen Shakira-Klones und das Genöle des russischen Möchtegern-Robbie Williams in die Tasche steckte.

Sicherlich haben LORDI alleine dadurch gepunktet, dass sie völlig anders waren als der Rest. Unsereins, der sich tagtäglich mit Rockmusik und ihren Auswüchsen beschäftigt, mag über den Mummenschanz der Band amüsiert lächeln, doch für den durchschnittlichen ESC-Konsumenten war das eine echte Provokation, die schockierend und verstörend wirkte. Da ist für viele Fernsehzuschauer eine Welt aus den Fugen geraten, vergleichbar mit dem Auftritt KNORKATORs beim deutschen Vorentscheid vor einigen Jahren.
Aber darum geht es gar nicht. LORDI haben deutliche Zeichen gesetzt und sich als Pioniere betätigt. Der Sieg der finnischen Kuscheltierchen hat vielleicht größere Auswirkungen auf den Stellenwert der Rockmusik in der Öffentlichkeit, als man gemeinhin annehmen möchte.

LORDI haben bewiesen, man kann durchaus als gewachsene und gestandene Rockband an diesem Wettbewerb teilnehmen, ohne sich groß verbiegen zu müssen. Man kann teilnehmen ohne bei den eigenen Fans Kredit zu verspielen und man kann sogar gewinnen.
Die Rockszene hat europaweit eine beeindruckende Einheit gebildet. Natürlich hat die Plattenfirma entsprechende Unterstützung gegeben. Ich nenne nur das Stichwort: Vote für LORDI! Das Netzwerk der Fans hat perfekt funktioniert und es gelang im Sinne der Rockmusik, selbst bei Leuten Stimmen zu sammeln, denen es nicht im Traum einfallen würde freiwillig eine LORDI-CD aufzulegen. Es war eine klare Protestwahl gegen gecastete Plastikstars ohne Charisma und Credibility, gegen dümmliche Popmusik, gegen den Kulturterror den Rundfunk und Fernsehen im Namen der vermeintlich breiten Masse betreiben. Es war ein lauter Aufschrei an die Unterhaltungsindustrie gerichtet, mit der das Rockpublikum auf sich aufmerksam gemacht hat.
Natürlich hat der Sieg der Finnen und die daraus resultierenden dümmlich-hämischen Kommentare eines Peter Urban oder die offen zur Schau getragene Bestürzung und Intoleranz einer sonst so weltoffenen Claudia Roth ganz nebenbei noch den einen oder anderen Zeitgenossen und seine wahre Geisteshaltung enttarnt.

Vielleicht - und das ist meine persönliche Hoffnung - haben LORDI eine Lawine in Bewegung gesetzt, die der gesamten Rockszene nützt. Natürlich kann das nur der Anfang sein, aber wer weiß... vielleicht schickt Irland im nächsten Jahr CRUACHAN ins Rennen, England Bob Catley, Portugal MOONSPELL, Polen RIVERSIDE, Deutschland UMBRA ET IMAGO, die Schweiz GOTTHARD und und und... Um Finnland brauchen wir uns keine Gedanken machen, auch wenn es einige Anläufe - unter anderem mit NIGHTWISH - brauchte, bis sich ein Rocksong durchsetzen konnte.
Wir haben da noch etwas Nachholbedarf, wie die lumpigen zehn Punkte für LORDI aus Deutschland bewiesen haben. Eins ist jedenfalls klar: Es liegt ganz alleine an den Rockfans selbst, sich lautstark Gehör für ihre Interessen zu verschaffen. Wenn Rockmusik einen höheren Stellenwert im Alltag bekommen soll und ein Gegenpol zur Wegwerf-Pop-Kultur in unseren Medien gebildet werden soll, dann ist das nur möglich, wenn man genre- und szenenübergreifend gemeinsam an einem Strang zieht. Dann darf es keine Rolle spielen, ob man privat Singer-/Songwriter oder Death Metal, Blues oder Gothic, Progressive Rock oder Mainstream, Country oder Punk bevorzugt. Wenn aus dem Slogan 'Vote for LORDI' ein 'Vote for Rock!' wird, gewinnen alle, die bisher unter dem Popdiktat der breiten Masse leiden.

Martin Schneider, (Impressum, Artikelliste), 23.05.2006

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