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An dieser Stelle unseres betagten und längst kopierten und dennoch weit unterbotenen Rockmusikmagazins steht mehr oder weniger regelmäßig die explizite Meinung eines Redakteurs. Oft hat das Thema nichts oder nur am Rande mit Musik zu tun, ab und an muss sich hier jemand einfach nur Ärger und/oder Frust von der Tastatur schreiben, wenn's ganz arg im Nervenkostüm zwickt wird gepoltert und ein Arschloch Arschloch genannt. Manchmal kommen dann bitterböse Emails, die unseren Fundus an Schimpfwörtern wunderbar bereichern, manchmal kriegen wir auch Lob ab, manchmal machen Zuschriften nachdenklich. So schrieb kürzlich eine ehemalige Quelle-Mitarbeiterin, die via Google nach Texten über ihre Firma suchte, dass wir ja völlig Recht hätten mit unserem Geschimpfe, aber sie nach 31 Jahren trotzdem arbeitslos wäre und mit 49 von der Arbeitsagentur als hoffnungsloser Fall eingestuft wurde. Es wird ihr auch nicht helfen, dass ich sie für meinen nächsten Besuch in Nürnberg auf einen Kaffee eingeladen habe.
Deswegen und wegen der gesamten bleiernen Schwere des Daseins im Herbst 2009 fällt mir diesmal nichts ein. Gar nichts. Ich bin leer, am Ende, ausgelaugt, demotiviert und von dem gerade gesehenen Interview mit der neuen Bundesfamilienministerin Kristina Köhler angewidert. Das blonde Nichts hat mit dümmlich-kokettem Augenaufschlag gesagt: "Ich glaube, ich kann mich sehr gut in die Situation von jungen Frauen, vielleicht sogar jungen Männern einfühlen, die in ihrem Leben auf jeden Fall mal Kinder haben wollen. Und ich kann mir deswegen, glaube ich, sehr gut vorstellen, vor welchen Problemen sie stehen, vor welchen Herausforderungen."
Sie glaubt, dass sie sich etwas vorstellen kann - und vielleicht sogar junge Männer versteht. Man will gar nicht wissen, was sich dieses Weib nicht vorstellen kann und nicht versteht. Traurige Sätze einer bekennend konservativen Soziologin (ohne Familienanhang übrigens), man möchte sie sofort dahin zurückschicken wo sie herkommt, nach Wiesbaden. Dagegen hatte sogar das nervige Muttertier S. v. d. Leyen noch Aussagekraft.
Doch es gibt auch Lichtblicke, und deswegen beginnen wir das eigentliche Editorial für den Dezember 2009 mit einem Gedicht, das unser Kollege Hartmut "Berthold" Helms anlässlich einer hartnäckigen Erkältung auf den Monitor gepinselt hat:
Eine kleine Ferkel-Grippe,
mit 'ner grossen Viren-Schippe,
sieht sich viele Leute an,
denen sie was geben kann.
Eine mit zu kurzem Hemd,
einer, der im Suff noch pennt,
jemand mit ganz müden Augen;
viele, die als Opfer taugen.
Sucht sich den im T-Shirt aus,
schwupp-die-wupp -
schon is' er raus!
Eine dicke Schweine-Grippe,
sitzt beim Markplatz in der Mitte,
wo sich viele Menschen tummeln,
langsam durch Geschäfte bummeln.
In der Menge find' ich einen,
der kriegt Viren von den Schweinen,
dass er hohes Fieber hat,
und im Bett liegt, müd' und matt.
So brems' ich die Konjunktur,
ist doch eh Gequatsche nur!
Drüben der im Bäckerhaus -
schwupp-die-wupp,
schon is' er raus!
Endlich hat jemand einen hübschen Namen für dieses infektiöse Konjunkturprogramm zugunsten der notleidenden Pharmaindustrie gefunden, also weg mit der Schweinegrippe und ihren Wortkrücken Neue Grippe oder H1N1-Pandemie (was irgendwie nach einem TV-Sportsender mit halbnackten Moderatorinnen klingt). Gebt der Ferkelgrippe eine Chance! Aber ansonsten ist man es leid, noch ein Wort über diesen BILD-Seitenfüller zu verlieren. Doch über was reden wir stattdessen? Über Claudia Pechstein, die für Athletenverhältnisse alte Frau des Eisschnelllauf? Darüber, dass sich die manisch ehrgeizige Exweltmeisterin niemals und unter gar keinen Umständen unerlaubter Hilfsmittel bedient hat? Ach, Schwamm drüber, geh arbeiten, Oma, und lass uns in Frieden. Oder sollen wir über den Wettskandal im Fußball sprechen? Pfff, als ob es irgendwen noch wundern würde, wenn ein fünftklassiger Kicker für ein paar Scheine über den Ball tritt. Schließlich will auch der mal in einem schicken Flitzer durch Ulm, Verl, Osnabrück oder Tirana cruisen und eine hübsche Spielerfrau abgreifen. Thema durch. Außerdem wird der FC Bayern sowieso Meister, oder wenigstens Vizemeister, weil der Uli Hoeneß dem komischen Trainerkauz aus Holland noch rechtzeitig Benimm beibringen wird.
Siehste, da haben wir doch ein Thema. Uli Hoeneß ist nicht mehr Manager bei seinem Verein, weil er nach 30 Jahren zum Präsident gewählt wurde. Uli Hoeneß war nie sehr beliebt bei den Fans anderer Vereine, was natürlich zu 95% dem Neid der Habe- und Taugenichtse aus dem Pott, der Hasardeure aus der Pfalz und dem Osten und dem jahrzehntelangen Komplettversagen der Münchner Nachbarn aus der Grünwalder Straße 114 zuzuschreiben ist. Aber was hat er eigentlich falsch gemacht, in all den Jahren, in denen der FCB 16x Deutscher Meister, 9x Pokalsieger, 1996 UEFA-Pokal- und 2001 Champions-League-Gewinner wurde. Na gut, er hat viele seltsame Spieler und Trainer eingestellt, er hat alles gekauft, was mehr als ein Tor gegen seine Mannschaft geschossen hat und erst kürzlich eine miserable Figur im Disput mit Philipp Lahm, dem intelligenten Kritiker und Anmahner einer konsequenten Strategie, abgegeben, das kann man ihm anlasten. Aber ansonsten hat er nicht nur nachhaltigen wirtschaftlichen und sportlichen Erfolg erarbeitet, er hat auch Gerd Müller von der Flasche geholt, Jürgen "Kobra" Wegmann aus der selbstverschuldeten Hartz 4-Falle befreit, unter anderem den FC St. Pauli und die Münchner Löwen aus der Grünwalder Straße 114 vor dem Bankrott bewahrt, den größten Profilneurotiker und Spinner aller Fußballtrainer 10 Jahre lang bekämpft und schließlich zum verhängnisvollen Drogentest gedrängt und zum Däumling gemacht, er hat Podolski wider besseres Wissen zurück zu seinem Pappnasenverein nach Köln gehen lassen und er hat sich vor den von Depressionen gequälten Sebastian Deisler gestellt, damit ihn die Hyänen der Boulevardpresse nicht möglicherweise in ein fatales Schicksal hetzen konnten. Man hat erst vor wenigen Wochen bei Robert Enke aus Hannover gesehen, wie schrecklich diese Krankheit enden kann. Der damalige Bayerische Ministerpräsident Stoiber beschimpfte Deisler übrigens als "teuersten Fehleinkauf aller Zeiten", daran kann man sehen, dass (CSU-)Politiker in aller Regel besser die Schnauze halten sollten, manche Parteigänger, wie Hoeneß einer ist, sich aber durchaus Anstand und Menschlichkeit bewahrt haben.
Wenn es einen Manager gibt, vor dem ich Respekt habe, dann ist das Uli Hoeneß. Schade, dass er in Zukunft "nur noch" Präsident ist.
Und jetzt? Fällt mir noch etwas ein? Nein, denn dass der hessische Unsympath Roland Koch in einem seit der Absetzung des "Scheibenwischer" durch den Bayerischen Rundfunk im Jahr 1986 einzigartigen Akt der politischen Einflussnahme die Wiederwahl des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender verhinderte, ist eigentlich gar keine Wortmeldung mehr wert. Markus Brauck bezeichnet Koch auf Spiegel Online als Westentaschen-Berlusconi, wofür es wenigstens einen Henri-Nannen-Preis geben sollte, aber der war ja von der Konkurrenz vom "Stern". Oh, da ging sie hin, die Unabhängigkeit des Journalismus im Rentnersender ZDF.
Nun ist aber endgültig Schluss, denn mehr Aufreger verträgt das alte Rockerherz nicht. Jetzt noch über Pete Doherty zu lamentieren, der bei einem "Geheimkonzert" für den Bayerischen Rundfunk vor einer Woche allen Ernstes "Deutschland, Deutschland, über alles" krakeelte und dabei auch noch live im Radio übertragen wurde, ist einfach nur blöde. Dieser notorische Junkie hatte noch nie alle Latten am Zaun und weiß offensichtlich überhaupt nicht was er tut.
Ach, da fällt mir doch noch ein Schwank aus diesen Tagen ein. Die obskure Partei ÖDP hat in einer obskuren Allianz mit der bayerischen SPD, den Grünen und anderen Sektierergruppen wie dem unfassbar benamten Verein "Pro Rauchfrei" ein Volksbegehren zum Thema "Nichtraucherschutz" höchst erfolgreich gestaltet. 1,3 Millionen Bürger haben sich eingetragen, um für das nächste Jahr einen Volksentscheid über ein ausnahmsloses Rauchverbot in sämtlichen Gaststätten und Bierzelten herbeizuführen. Der Vorgang an sich ist natürlich eine drastische Maßregelung der regierenden CSU, denn die hat in einem absurden Eiertanz zuerst das "weltweit schärfste Nichtraucherschutzgesetz" zusammendilettiert, um sich nach der für sie mit gut 43% vernichtenden Wahlniederlage 2008 umgehend um 359° zu wenden (mir ist, als hätte ich Seehofer schon vor längerer Zeit als "Der sich im Wind schneller dreht als ein Fähnchen" bezeichnet). Nun sind 359° natürlich noch lange keine Komplettwende, aber eine gewisse Linienuntreue und Wankelmütigkeit meint man doch erkennen zu können. Egal, es geht um das Volksbegehren. Dessen Hauptinitiator ist ein 28jähriger Typ mit langen Haaren, der von sich selbst sagt, schon immer die Welt verändern zu wollen. Nun ja, sich als militanter Raucherfeind zu betätigen ist wohl nur der erste Schritt zur Weltrevolution, aber dieser junge Herr Frankenberger mit dem leicht wirren Blick eines mehrfachen Studienabbrechers hat bei der ÖDP wahrhaftig eine Heimat gefunden. Bei der Bekanntgabe des Abstimmergebnisses brüllten ein paar Dutzend seiner Anhänger ernsthaft "Wir sind das Volk" durch das selbstverständlich rauchfreie Wirtshaus, in dem man sich versammelte.
"Wir sind das Volk" haben diese Nichtraucher skandiert! Ergo sind Raucher NICHT das Volk. Oder ein aussätziges Untervolk. "Das ist ein Sieg für die Demokratie", sagt Frankenberger, und merkt offensichtlich nicht, dass sich seine Kumpane gerade hochgradig undemokratisch verhalten. Haben die zu tief ins Glas geschaut? Muss man etwa über ein Verbot von Bier für politische und sonstige Eiferer nachdenken?
Als Raucher ist man inzwischen viel gewohnt, man regt sich nicht mehr auf und pafft klaglos vor der Tür des Restaurants oder des Musikclubs, aber dem stillen Zecher in der Eckkneipe seine Kippe zu verbieten, den hart arbeitenden Kneipenbesitzer vor die eigene Tür zu schicken, oder direkt zum Sozialamt, weil die überwältigende Mehrheit seiner Stammkundschaft nun mal trinkt UND raucht, das hat mit Demokratie nichts zu tun. Das ist und bleibt ein verfassungswidriger Eingriff in ein selbstbestimmtes Leben. Der schräge Vogel Zé do Rock, ein in München lebender Brasilianer, Satiriker und Lebenskünstler, rief bei seiner One-man-Demonstration auf dem Marienplatz kürzlich nicht umsonst unter anderem zum Verbot von BHs auf, denn schließlich haben 99% aller an Brustkrebs erkrankten Frauen irgendwann in ihrem Leben einen BH getragen.
Was lernen wir? Je unfähiger die so genannten Chefs der Politik (wahlweise auch die der Wirtschaft) sind, desto leichter ist es für Sektierer wie Frankenberger und der ÖDP, sich Gehör und sogar 1,3 Millionen Zustimmungen zu verschaffen. Da ist dann endgültig keine Rede mehr von Demokratie, es geht nur noch um Blockwartmentalität und Durchsetzung individueller Wünsche - Bildungsbürger gehen in ihrem grenzenlosen Egoismus den Weg in die Dissozialität und wundern sich dann, dass es Parallelgesellschaften gibt. Herzlichen Glückwunsch.
Beim nächsten Mal, liebe Kinder, sprechen wir vielleicht über Parallelgesellschaften und ihre Auswüchse. Vielleicht sprechen wir aber auch einfach nur über Musik, denn das können wir möglicherweise besser. Aber bei 750.000 Seitenabrufen im Monat sollten auch ein paar für die etwas anderen Beiträge abfallen.
In diesem Sinne wünschen wir Euch einen friedlichen Nikolaus und ein paar astreine Rock'n'Roll-Scheiben im an der Haustür aufgehängten Sack, Stiefel oder Strumpf. Ho, ho, ho…
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