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Olympische Dinge

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Die Einschaltquoten sind hoch, was auf den ersten Blick verblüfft, aber eigentlich nur zwei Fragen hinterlässt. 1. Ist den Menschen inzwischen alles egal, oder 2. warten sie nur auf den ersten Sportler mit sechs Beinen, der sich beim Wettbewerb in selbigen verheddert und qualvoll stirbt? Am Samstag wäre es beinahe soweit gewesen, da lief ein Jamaikaner einen eigentlich irregulären neuen Weltrekord über 100 Meter. Herr Bolt rannte nämlich nur gute 80 Meter, dann nahm er das Tempo heraus und kasperte die restliche Distanz bis ins Ziel ein wenig herum. Er hätte auch telefonieren oder ein Sudoku-Rätsel lösen können, die anderen Läufer hatten keine Chance gegen ihn und sahen nicht wie hochgezüchtete Leistungssportler aus, sondern eher wie Senioren beim Kampf ums Sportabzeichen in Lüdenscheid. Der jamaikanische Freak hatte übrigens einen offenen Schnürsenkel bei seinem seltsamen Weltrekordlauf. 9,69 Sekunden hat es gedauert, bis hoffentlich auch dem letzten Träumer aufging, dass an den Olympischen Spielen in Peking nichts, aber auch wirklich gar nichts echt ist.
Wir unterbrechen nun die Liveschaltung ins Vogelnest [wie kann man ein Nationalstadion, kein Olympiastadion!, für 90.000 Menschen so albern und konsequent verniedlichen?] und legen die LP "Highway To Hell" von AC/DC auf - da wird noch ehrlich gezockt.

Die Frage, warum man Olympische Spiele ausgerechnet an ein totalitäres Regime, das Menschenrechte ignoriert und ohne Wimpernzucken das Wort Freiheit außer Kraft setzt, vergeben muss, ist längst geklärt. Es geht um Macht und Märkte, um 1,3 Milliarden Menschen und ein zigfaches Umsatz, da kann man schon mal ein Auge zudrücken und die "sensationelle Organisation" der Veranstaltung preisen (Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes). Wie unerheblich, wenn Presse und Internet zensiert werden, wie kleingeistig zu kritisieren, dass eben jener Deutsche Olympische Sportbund seinen Sportlern verbietet, Internetblogs zu verfassen, vor allem welche mit kritischen Inhalten. Wäre eh nicht möglich, da sogar Seiten von Sportlern oftmals nicht abrufbar sind. Eigenartig nur, dass kein einziger der angeblich mündigen Sportler aufgemuckt hat, weder einer der Multimillionäre wie der Basketballer Nowitzki noch die aus den Randsportarten, denen ohnehin keiner zuschaut. Warum machen sich alle zu Sklaven des Systems? Gibt es so viel zu verdienen, oder haben alle Dreck am Stecken und sind erpressbar, oder haben die auch nichts kapiert?

Sprechen wir noch ein wenig von der Welt der Kuriositäten und Schlangenmenschen, vom Panoptikum Spitzensport.
Der Amerikaner Phelps gewinnt acht Goldmedaillen beim Schwimmen. Sieben davon in Weltrekordzeit. Mit Vor- und Zwischenläufen hat der Mann innerhalb einer Woche gut 20 Rennen bestritten - und wurde in seiner knappen Freizeit im Swimmingpool seiner Unterkunft gesichtet. Schuhgröße 48 ½, ein Knochenbau, der ihm Joggen nicht erlaubt, weil die Gelenke ansonsten aus den Verankerungen hüpfen, aber eine klare Distanzierung von unerlaubten Mitteln. Ja, ne, ist klar, Forrest Gump war auch eine integre Person. Wir zitieren Manfred Manns Martha's Madman: "… the world is full of freaks and geeks and simples".
Beim Kinderturnen wirbeln kleine Mädchen mit 35 Kilo Körpergewicht durch die Luft, aber China sagt, dass sie 16 und älter sind. Eine klitzekleine Recherche im Internet genügt, schon kann man unschwer feststellen, dass es sich um 13- und 14jährige handelt. Spätnachts konnte man neulich einen Bericht im Fernsehen verfolgen, der sadistische Bastarde zeigte, wie sie sich auf Kinder im Spagat setzen, damit es noch ein bisschen weiter nach unten geht. Zehntausende kleine Chinesen werden in Turninternaten auf diese und schlimmere Weisen gefoltert. Soll man sich freuen, wenn eine dieser Kreaturen Gold gewinnt und dadurch weiteren Torturen vielleicht entgeht?
Oder Gewichtheben. Da verstieg sich ein Sportreporter angesichts eines angeblich weiblichen Fleischberges zu der Aussage "Was für eine Waffe". Das nennt man kritischen Journalismus. Menschen mit Köpfen in Kartoffelgröße stemmen 200 Kilo und mehr, ganze Ländermannschaften werden mit Drogen im Blut ertappt (11 Bulgaren, 11 Griechen, 9 Iraner), ein Weltrekord nach dem anderen wird gebrochen, ARD und ZDF sind live dabei und hinterfragen nie, nie, nie die seltenen Erfolge deutscher Athleten. Genau wie beim Rudern, wo in den letzten zwölf Monaten neun russische Sportler erwischt wurden. Der Kommentator im Fernsehen sagt dazu: "Da handelt es sich um Einzelfälle, Rudern ist eine familiäre Angelegenheit". Willkommen in der Familie…
Rad wird auch gefahren; zum Soundtrack von ZZ TOP: "She's got legs, she knows how to use them". Männer und Frauen mit gewaltigen Oberschenkeln rasen über Straßen und Bahnen, aber die Amphetamine im Blut wurden ihnen heimlich in der Disco in den Milchshake geschüttet. Und überhaupt, was ist EPO?

Ein Pistolenschütze aus Korea musste seine Medaille zurückgeben. Er hatte sich Betablocker zum Frühstück gegeben, damit das Händchen nicht so zittert. Ist es nicht süß, wie gnadenlos Sünder verfolgt werden? Wirklich schade, dass manche Substanz überhaupt nicht gefunden werden kann, weil sie … nicht gesucht wird. Geschätzte 1,3 Milliarden Dollar macht das IOC mit den Spielen in China Gewinn, da erscheint es plausibel, dass eine Investition von eineinhalb Millionen für ein neues Laborgerät nicht aufgebracht werden kann. Damit hätte man gewisse Formen von Blut- und Gendoping erkennen können, aber wenn es halt finanziell nicht geht, dann geht es nicht, und wir summen "Why do we need to live to be so old when we could live free to die young and bold, man is an animal gone mad, yes he's turned into a monster, our generation is his offspring, yes mutants of the monster, we're mutants of the monster" von BLACK OAK ARKANSAS. Wir geben zurück ins Studio zu Monika Beckmann-Lierhaus-Kerner.

Die Fernsehmenschen haben inzwischen jede Zurückhaltung abgelegt und lächeln hemmungslos allen Zweifel nieder. Kein Wort von Behinderungen der internationalen Kollegen bei der Berichterstattung, kein Ton über offensichtliche Betrügereien der Chinesen (sogar das Feuerwerk bei der Eröffnungsfeier war zum Teil gefakt), nichts über bestellte Claqueure in halbleeren Stadien (alle Tickets verkauft, hieß es vorher, offenbar aber an mongolische Bergbauern, die leider keine Zeit hatten um nach Peking zu fahren - nichts ist für eine Diktatur schlimmer als große Menschenansammlungen, die möglicherweise ein Banner "Free Tibet" ausrollen), das Potemkinsche Dorf entlang der Marathonstrecke wird nicht erwähnt, schon gar nicht die verschwundenen Regimekritiker, dafür unfassbar menschelnde Interviews mit einer heulenden deutschen Schwimmerin ("weinen Sie ruhig, wir haben alle Zeit der Welt") und aufklärerische Hintergrundberichte über die Fressgewohnheiten eines Pferdes, wahlweise auch ein Lobgesang auf die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Chinesen (deren Polizei man per Anweisung von ganz oben Lächeln befehlen musste). "Keep on rocking in the free world".

Die Welt ist kein Hort der Glückseligkeit, das wissen wir alle. Auch der Sport wird bestimmt von Menschen mit all ihren Schwächen und Fehlern, darüber gibt es ebenfalls keine Diskussion. Aber warum sich die gesamte "freie Welt" von kriminellen Geschäftemachern, faschistoiden Polit-Dunkelmännern, demokratiefernen Funktionären und surreal verzerrten Menschmaschinen an der Nase herumführen lässt… es ist kaum zu begreifen. Natürlich, auch die tägliche Präsenz einer Amy Winehouse in den Medien erscheint absurd, aber die schadet nur sich selbst, wohingegen Olympische Spiele heutzutage ein deutlicher Fall für die UN-Menschenrechtskommission sind.
Wenn ein deutscher Ruder-Achter bei drei Rennen als jeweils letzter ins Ziel kommt, oder deutsche Schwimmer halbe Bahnen hinterher kraulen, ist dies ein erfreuliches Zeichen für frühzeitig abgesetzte oder nie benutzte Pharmazeutika, keinesfalls ist es ein Zeichen mangelnden Willens oder Könnens (über das Versagen mancher Verbandsmeier kann man gerne streiten).
Sollen wir weiterhin die täglichen Sendungen aus dem Reich der Klone gucken, oder sollen wir lieber Rock & Roll hören und ein frisches Bierchen dazu genießen? Muss jeder selbst entscheiden, ich kann ersteres nur noch aus (beruflicher) Neugier tun.

Der Verfasser dieses Editorials unterstützt die Organisation Reporter ohne Grenzen.

Reporter ohne Grenzen

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 19.08.2008

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