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Tony Fletcher

Dear Boy - Das explosive Leben des

Keith Moon

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Unser Disclaimer
Dear Boy - Das explosive Leben des Keith Moon
Dear Boy - Das explosive Leben des Keith Moon, Bosworth Edition, 2008
ISBN: 978-3-86543-218-6
Umfang: 747 Seiten
Preis: 29,95 Euro

Welchen Grund gibt es, einen mehr als 700 Seiten schweren Wälzer zu lesen, vor allem wenn man das Ende seit 32 Jahren kennt und das Ergebnis sich aus ebenfalls 32 Jahren Leben zusammenstellt? Das Buch muss verdammt gut sein. Und spannend. Und, so es eine Biographie ist, es muss mit Neuigkeiten aufwarten können. Tony Fletchers "Dear Boy - Das explosive Leben des Keith Moon" ist das alles, und zwar in ziemlich einzigartiger Weise.

Keith Moons Leben wurde öfter erzählt als man es eigentlich hören mag, speziell seine Exzesse wurden schon zu Lebzeiten in der Musikpresse breitgetreten, auch in den deutschen Zeitungen (besonders im "Musikexpress") wurde allmonatlich gerne hämisch über den ein oder anderen "Skandal" eine Meldung gestreut. Dummerweise hat niemand mitbekommen, dass Moon "The Loon" nicht nur ein "Feierbiest" war und ein kleines Problem mit dem Alkohol hatte, sondern auch mit diversen Drogen und vor allem mit - sich selbst. Man hofft, dass sich derartige Bücher in Zukunft erübrigen und den heutigen Rock'n'Roll-Junkies frühzeitig geholfen wird (die Dauerschlagzeilen über Landplagen wie Amy Winehouse oder Pete Doherty lassen leider anderes vermuten).
14 Jahre nur dauerte die Karriere des Keith Moon bei THE WHO und in dieser Zeit hat die Band lange nicht alles gezeigt, was sie eigentlich gekonnt hätte. Letztlich waren es nur wenige Platten, die das wirkliche Potential dieser 2 ½ Genies plus überdurchschnittlich begabtem und gut aussehendem Sänger mit relativ frustrierendem Geisteshorizont offenbarten (Townshend und Entwistle zählen als ganze Genies, Moon nur als halbes, zu wirr ging es in seinem Kopf zu). "My Generation" war 1965 eine regelrechte Detonation, "Tommy" vier Jahre später Townshends erste Rockoper und ein bis heute gültiges Wunderwerk, "Live At Leeds" schließlich zeigte eine unglaublich druckvolle Band bei einem epochalen Konzert, das für damalige Verhältnisse gar nicht zu den wirklich besten der Gruppe zählte (dringend zu empfehlen ist die "Deluxe Edition" von 2002 mit der Aufführung von "Tommy"). Danach kamen nur noch "Who's Next" als endgültiger musikalischer Höhepunkt und "Quadrophenia", das Townshends zweites Monster darstellen sollte. "Who Are You", Moons letztes Album mit der Band, wird bis heute eher gering geschätzt, war aber m. E. besser als sein Ruf.
In diesem schmalen Rahmen konnte sich ein hyperaktiver Kerl wie Moon kreativ nicht austoben, in den ersten Jahren kompensierte er seinen Bewegungsdrang noch bei den Tourneen, aber als auch die nach und nach weniger wurden, griff der kleine Schlagzeuger mit dem irren Wumms zu immer drastischeren Mitteln. "Dear Boy" dokumentiert dies alles akribisch und ist doch viel mehr als eine Biographie.

Tony Fletcher hat nicht nur ein unfassbar umfassendes Standardwerk über das gesamte Leben Moons verfasst, er hat nebenbei ein Psychogramm des Musikers, seiner Band und einer gesamten Epoche erstellt. Von den kindlichen Anfängen an bis zum bitteren Ende beschreibt Fletcher Moon und den Rock & Roll an sich. Mehr oder weniger zufällig ging beides nämlich zeitlich ziemlich genau einher, der 1946 geborene Moon war - musikalisch und auch sonst - frühreif und sehr früh Fan der bösen Rock & Roll Musik; irgendwann in den Jahren um oder nach seinem Tod 'starb' auch die Musik, jedenfalls diejenige, die heute so lieblos als "Classic Rock" bezeichnet wird.
Unendlich viele Zeitzeugen befragte der 1964 geborene Autor, der als Teen seinen Idolen schüchtern ein von ihm selbst hergestelltes Fanzine zur Unterschrift vorlegte und Moon kurz vor dessen Tod sogar besuchen wollte, nachdem der ihn in seiner grundsätzlich freundlichen Art eingeladen hatte. Ob alle diese Zeitzeugen wirklich glaubhaft sind, bezweifelt Fletcher mehrere Male selbst, er nahm sich aber in den vielen Jahren Recherche zu diesem Buch alle Zeit, um auch gegenteilige Meinungen aufzuzeichnen. Es werden alle Perspektiven und Möglichkeiten durchleuchtet und - wichtig! - es kommen immer wieder ganz persönliche Ansichten des Fan und Journalisten Fletcher zum Tragen. Diese Meinungen sind so intelligent vorgetragen, dass man sich ihnen fast immer anschließt, und wenn man tatsächlich anderer Meinung ist, akzeptiert man Fletchers Standpunkt trotzdem, denn er ist ein echter Fachmann.
Das Buch wurde schon vor mehr als einem Jahrzehnt erstmals veröffentlicht, seit Ende 2008 liegt nun diese überarbeitete und ergänzte Fassung in deutscher Sprache vor (übrigens großartig übersetzt und lektoriert). Der Verfasser scheut sich nicht frühere Fehler zuzugeben und entsprechend zu verbessern, auch wenn das im Grunde nur Zahlenschieberei ist, denn ob Moon im Februar oder Mai 1965 irgendeine Single einspielte, ist letztendlich völlig egal und interessiert bestenfalls Statistiker. Viel wichtiger sind die einzelnen Entwicklungsschritte im schrecklich schnellen Leben des jungen Schlagzeugers, der rückblickend niemals einen echten Boden unter den Beinen hatte. Er hatte jedoch eine instinktive Begabung zum Schlagzeugspielen (seine Schwächen werden dennoch intensiv besprochen) und er hatte Humor. Es war kein harmloser Humor, eher eine bizarre Form zutiefst britischen Humors, den er in verschiedensten Formen auslebte. Dass ihn dies Millionen kosten sollte und er zum durchgeknalltesten aller durchgeknallten 70er-Jahre Rockstars wurde ist Legende, doch so detailgenau und mit diversen Märchen aufräumend hat es noch niemand beschrieben.
Was man über einige hundert Seiten noch mit Vergnügen liest, nämlich die "Hotelzimmer-Reorganisationen", "Sprengstoffanschläge" und Tablettenorgien eines jugendlichen Wilden, wird irgendwann ab der Hälfte des Buches zu einer bitteren Darstellung des beginnenden Abstiegs zum belächelten Enfant terrible der zunehmend degenerierten Rockmusik. Die im wahrsten Sinne dunklen Seiten des mit vielen Persönlichkeiten ausgestatten Moon kommen ebenso zu Wort wie die lebenslange Suche nach Ruhe und trauter Zweisamkeit; man versteht das alles, ist aber immer wieder überwältigt vom Tempo der Einschläge, Zusammenbrüche und psychischen Comebacks. Moon lebte und erlebte in den wenigen Jahren mehr als alle Fans von THE WHO von 1964 bis heute zusammen - und das macht ihn zu einem unsterblichen Giganten der Musikgeschichte.

Ein weiterer Aspekt der Moon-Saga ist sein schauspielerisches "Talent". Neben seiner über alles geliebten Tätigkeit als Schlagzeuger bei THE WHO wollte Moon immer Leinwandstar werden - und scheiterte am Unvermögen, etwas anderes darzustellen als sich selbst. Trotzdem macht "Dear Boy" Lust darauf, sich die beiden wichtigsten Filme mit ihm nach vielen Jahren nochmals anzusehen. "That'll Be The Day" und "Stardust" zeichnen die Geschichte einer fiktiven Band, wobei Moons Part "zufällig" der des Schlagzeugers ist. Zu bewundern sind außerdem David Essex, Dave Edmunds und Ringo Starr, der über die Jahre zu einem Saufkumpan Moons wurde. Beide Filme gibt es übrigens seit einigen Jahren im relativ günstigen Doppelpack oftmals für weniger als 10 €.
In den Filmen durfte Moon seinem Verkleidungswahn frönen, privat tat er es auch, Regeln kannte er nie. Bizarre, oft urkomische Auftritte, meist schwer alkoholisiert, als Hitler, Landadeliger oder was auch immer sorgten für Belustigung bei Partygästen und Panik bei Normalmenschen und Restaurant- und Hotelbesitzern.

"Dear Boy" ist natürlich Pflichtlektüre für Fans von Rockmusik und unterscheidet sich damit wesentlich von einer anderen angeblichen Pflichtlektüre, nämlich "Hammer Of The Gods - Die Led Zeppelin Saga" von Stephen Davis. Wo Tony Fletcher mehrdimensional und fundiert berichtet und gleichzeitig Fan und kritischer Journalist ist, gräbt Davis halbgare oder längst bekannte Boulevardgeschichten aus und fabuliert indifferent über Satanismus, Drogen und Sex. Außerdem ist "Hammer Of The Gods" miserabel übersetzt und redigiert, sodass manche Bemerkung über die Musiker, speziell John Bonham, wie eine Beleidigung wirkt. Fletcher würde sich derlei niemals herausnehmen, das kann man auch in seinen anderen Büchern nachlesen.
Bonham, der andere große Drummer dieser Ära, überlebte Moon bekanntlich nur um zwei Jahre und starb 1980 mit ebenfalls 32 Jahren und dem Erfahrungsschatz eines Tausendjährigen. Vielleicht gibt es auch über ihn eines Tages ein so eindrucksvolles Buch wie "Dear Boy - Das explosive Leben des Keith Moon".

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 15.07.2010

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