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Chinese Democracy

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Chinese Democracy
Chinese Democracy, Geffen Records/Universal Music, 2008
Axl Rose Lead & Backing Vocals
Ron "Bumblefoot" Thal Lead Guitar
Richard Fortus Rhythm Guitar, Backing Vocals
Tommy Stinson Bass, Backing Vocals
Dizzy Reed Keyboard, Piano, Percussion, Backing Vocals
Frank Ferrer Drums, Percussion
Frühere Bandmitglieder auf "Chinese Democracy":
Buckethead Lead Guitar
Paul Tobias Rhythm Guitar
Chris Pitman Synthesizer, Programming
Bryan Mantia Drums, Percussion
Robin Finck Lead Guitar, Backing Vocals
Gäste:
Sebastian Bach Backing Vocals
Patti Hood Harp
Marco Beltrami & Paul Buckmaster Orchestral Arrangement
Produziert von: Axl Rose & Caram Costanzo Länge: 71 Min 30 Sek Medium: CD
1. Chinese Democracy8. Scraped
2. Shackler's Revenge9. Riad n' The Bedouins
3. Better10. Sorry
4. Street Of Dreams11. I.R.S.
5. If The World12. Madagascar
6. There Was A Time13. This I Love
7. Catcher In The Rye14. Prostitute

Es ist nicht mehr die Frage, ob Axl Rose als halbwegs normaler Rockmusiker zu betrachten ist, denn davon abgesehen, dass er sich auch in den finstersten Anfangstagen schon als einen ganz besonderen Menschen verstanden hat, sind die Jahre seit dem ohnehin größenwahnsinnigen "Use Your Illusion" Doppelpack der beste aller Beweise für die komplette Übergeschnapptheit dieses pathologischen Gesangsfalls.
Seit "Chinese Democracy" angekündigt wurde, das war etwa im Jahr 1783, hat man von William Bruce Rose, Jr. auf Bühnen wenig und in den Medien vorwiegend ziemliche Dummheiten gehört bzw. gelesen. Beispielsweise waren seine Kommentare zum Zustand der Demokratie in China so dramatisch sinnlos, dass jeder andere Doofmann zur endgültigen Entsorgung auf dem Musikerwertstoffhof gelandet wäre. Aber nein, das Spektakel um die Veröffentlichung der "neuen" CD ist noch größer und absurder als das um "The Cosmos Rocks", "Black Ice" und "Death Magnetic" zusammen. Und es wird funktionieren, die Zahl der willigen Käufer ist riesig und glaubt man den Internetforen, kommt das Machwerk zum Teil auch noch gut an.
Wer GUNS N' ROSES jemals live gesehen hat, wird sagen: Beschissene Band mit einer unglaublich geilen Ausstrahlung. Ja, auch Rose hatte manchmal das, was Slash und Izzy öfter hatten, nämlich den echten Rock-and-Roll-Flow und ein Charisma zwischen Arroganz und Robbie Williams. Das ist ein schmaler Grat, und nach "Chinese Democracy" wissen wir endgültig: Axl Rose ist ein Schmalspurrocker. Vollkommen überschätzt und fern jeder Realität.

17 Jahre nach "Use Your Illusion" dürfte jeder eingesehen haben, dass die damaligen Kritiker recht hatten. Das Ding war nur ein aufgeblasenes Monster, dem zumindest zur Hälfte die Substanz fehlte. Völlig unklar bleibt allerdings momentan noch, für was Rose all die lange Zeit für "Chinese Democracy" brauchte, denn das Ergebnis ist leider so inhaltsarm und substanzlos wie ein beliebiges Werk einer Boygroup.
Nach dem verzögerten Erfolg von "Appetite For Destruction" war GUNS N' ROSES eine Mainstreamband, mit "… Illusion" war der Hysterie-Olymp erreicht, aber man hatte es noch immer mit einer Rockband zu tun. Danach hat sich Rose keine Handbreit mehr weiterentwickelt, dafür aber in einer wirren Ideenwelt verfangen, die mehr als eine Musikergeneration später einfach nicht mehr relevant ist. Progressive Anwandlungen mischen sich mit gemäßigten Industrial-Klängen, wildem Orchesterschmalz und ansatzweise gezeigtem Hard Rock, allerdings bewegt sich alles auf dem Niveau von vor 15 Jahren. Billige Effekte, unbeschreibliche Rhythmusmaschinen, mühsame Slash-Imitationen und ein unüberhörbar von Studiotechnik gepushter Gesang ergeben das erbärmliche Gesamtbild eines Menschen, der die Schüsse nicht gehört hat. Es ist nicht nachvollziehbar, wie für dieses Ergebnis angeblich 17 Millionen Dollar ausgegeben werden konnten, jeder zweite Hinterzimmerproduzent könnte das auch.
Die Kosten werden verdient werden, da besteht kein Zweifel, es werden auch noch ein paar Dollar für Axls endgültigen Vorruhestand übrig bleiben, bei der sicher im nächsten Jahr stattfindenden Tournee wird ebenfalls Kasse gemacht werden, aber wenn Geffen Records bzw. Universal Music nicht auf den Kopf gefallen sind, wird die angedrohte Fortsetzung, man spricht sogar von einer Trilogie, niemals erscheinen. Hunderte Indie-Bands könnten mit dem verbrannten Geld gefördert werden, in Kindergärten könnten Musikinstrumente angeschafft werden, die Armenspeisung in Los Angeles hätte endlich Mittel für frisches Obst, alles besser als die oberpeinliche Beimischung von Martin Luther Kings "I have a dream" im unsäglich schwülstigen Madagascar.

Es ist wirklich schwierig, einzelne Songs dieser CD herauszugreifen, es bleibt nämlich kaum einer hängen. Ab und an wird man von einem Gitarrensolo aufgeschreckt, das aber entweder wirkungslos verpufft oder in einem Meer von Geigen und Keyboards untergeht, dabei versuchen insgesamt fünf Gitarristen mehr oder minder erfolglos wenigstens einen Hauch von GUNS N' ROSES zu erzeugen. Was flach ist bleibt flach, da helfen auch keine Regimenter von Hilfsmusikern und Songwritern. So gut wie alles wirkt aufgesetzt, Attitüde sucht man vergebens, Hooklines ebenfalls, griffige Melodien werden brachial verwässert (Better) oder demonstrativ von technoiden Murksern zerschossen (Shackler's Revenge) - nein, dieses orientierungslose Geheule hat nicht nur nichts mit GUNS N' ROSES zu tun, es ist einfach unwichtige Musik, nicht Fleisch und auch nicht Tofu, von Appetit auf irgendwas kann man nicht sprechen.
Ohne die ehemaligen Bandmitglieder zu heroisieren, aber Slash und Izzy Stradlin hätten aus Street Of Dreams einen Song gemacht, anstatt ein eigentlich viel versprechendes Riff (setzt nach etwa 75 Sekunden ein und ist nach 85 schon wieder Geschichte) gnadenlos in einer Pseudo-Filmmusik zwischen schwurbelnden Geigern verschwinden zu lassen. Wenigstens die letzten Minuten des elegischen There Was A Time werden von einem brauchbaren Solo verziert, auch wenn sich dahinter eine gar scheußliche Soundpampe verbirgt. Für die Idee der winselnden Elfe am Schluss müsste noch jemand verantwortlich gemacht werden, die Mindeststrafe ist NIGHTWISH nicht unter 20 Stunden.
Texte gibt es auch, Axl lässt uns an seinem reichhaltigen Gefühlsleben teilhaben, aber bei genauerer Betrachtung möchte man das gar nicht. Er will sich nicht verkaufen (Prostitute), gibt sich in Riad n' The Bedouins ein wenig der Paranoia hin, möchte in Madagascar keinesfalls belehrt werden und trällert philosophisch "La la la la la la la la" zu If The World. Sogar die vermeintliche Entschuldigung Sorry ist keine, er sagt: "I'm sorry for you, not sorry for me". Außerdem ist die Nummer phasenweise hart am METALLICA-Plagiat.

Demos von "Chinese Democracy" geisterten schon seit Jahren durchs Internet, einige Songs hat Rose letztendlich verworfen (Silk Worms, The Blues etc.), aber verbessert hat sich dadurch nichts. Wenn man die Benotungsskala unserer Crosschecks heranzieht, bleibt nur eine 5 = EGAL.

PS: Wer Gitarristen mit Namen Bumblefoot und Buckethead (das war der mit dem Eimer auf dem Kopf) einstellt, muss für Spott nicht mehr sorgen.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 22.11.2008

Neulich trafen sich die ehrenwerten Mitglieder diverser notorisch bekannter Vereinigungen zu einem Treffen im Hinterzimmer zwecks Besprechung ihrer letzten Werke. Der stille Beobachter - natürlich war keiner zugelassen - hätte die Mitglieder der Adler-Gang, Die Weißen Schlangen, die Gleichstrom-Boys und die Extremisten an einem massiven Tisch sitzen gesehen. Irgendwo im Dunst des Hinterzimmers lümmelten ältere Herren anderer Gruppierungen herum. Obwohl diese kaum noch aktiv ins Geschäft eingriffen, ging ab und zu ein Blick zu ihnen, quasi um sich zu vergewissern, dass die Altvorderen einverstanden waren.
Wie gesagt, das Gespräch drehte sich um die letzten Werke, die vor den Jungs auf dem Tisch lagen. Jedes wurde kritisch, jedoch mit gutmütigem Spott und letztlich positiv gesehen und respektiert. Man hütete sich davor, einander zu Nahe zu treten; dazu war man zu lange im Geschäft. Von einigen Ausfällen abgesehen - einer der Adler-Gang mit Namen Joe Guitar fiel lallend vom Stuhl, erhob sich jedoch wieder mühsam und stand schwankend herum - benahm man sich zivilisiert; man war ja kein Jungspund mehr und sich das schuldig.
Draußen hörte man einiges Rumoren; offensichtlich wollten noch mehr Leute an dem Meeting teilnehmen. Eine Stimme rief vernehmlich: "Wer? Wer?", eine andere: "… aus Chicago…", aber es war klar, dass die Versammelten für diese Leute kein Verständnis hatten; zu miserabel waren deren letzte Werke.

In die traute Eintracht hinein hörte man plötzlich ein lautes und unverschämtes Klopfen an der Tür; plötzlich war draußen Totenstille. Joe Guitar nahm noch einen Schluck aus der Flasche, torkelte zur Tür, öffnete und fiel ohnmächtig um. Die anderen Adler-Gang Männer ignorierten das, einer sagte: "Er ist auf einer langen Straße … ziemlich am Ende."
Die Tür wurde aufgestoßen, und ein Bote in einer schrillen Uniform, das Hemd bis zum Hosenbund offen, kam ins Zimmer. Er grinste abfällig, ging zum Tisch und knallte ein großes, schweres Paket auf den Tisch - der mit einem lauten Splittern zerbrach; die Werke der Gangs kugelten in alle Richtungen des Raums. Hinten in der Ecke stand langsam einer der Altvorderen mit einem Stirnband und unglaublich faltigem Gesicht auf und blickte durch zugekniffene Augen auf das Geschehen.
Der Bote - er hatte ein Käppi mit dem Namensschild 'Axel' auf dem Kopf - spuckte auf den Boden, drehte sich rum und ging wortlos raus. Die Jungs fingen sich schließlich und packten das Paket des Boten aus. Ein Stöhnen ging durch den Raum - so etwas hatte man seit Jahren nicht mehr gesehen. Vor ihnen lag ein unbeschreibliches Etwas, ein monströses Sei-bei-uns; glitzernd an einer Stelle, stumpf und bösartig aussehend an einer anderen; ständig die Farbe ändernd, jedoch insgesamt von gewaltiger Wirkung, der sich keiner der Jungs entziehen konnte. Dennoch war es von klassischer Form, an vielen Stellen stachen Riffs heraus, die trotz ihrer Wucht durchaus bekannt waren. Bunte Linien einer langen Reihe von einzelnen Noten verliefen quasi soloistisch über das Werk. Dem Betrachter wurde die Wucht bald zuviel; man wollte sich dem entziehen, war andererseits aber zu fasziniert und konnte dem Werk den Respekt nicht versagen.

David Kupferdach von den Weißen Schlangen guckte auf ein besonderes Stück, und gab unumwunden zu, dass er so ein intensives Intro wie bei Street of Dreams lange nicht mehr gehört hatte und wohl auch selber nicht schaffen würde; aus einem fast gesprochenen Anfang geht der Sänger in einen gequälten Gesang über, der das ganze Leid, das er erfährt, direkt ausrückt. "Na ja", sagte der Schlagwerker der Gleichstrom Jungs, "alles ganz gut, aber das swingt doch überhaupt nicht". "Stimmt, so gut wie Du ist der andere nicht...", sagte der junge Malcolm, "... aber der Sache angemessen ist er schon. Nur - die Gitarren, die Gitarren..."
Jetzt trat der Faltige aus dem Hintergrund an den Tisch. Er funkelte die Versammlung böse an, und sagte dann "Hey, ihr Wichser, ihr rafft es nicht, oder? Das ist ein verdammtes Scheiß-Meisterwerk, und wenn Jimmy da hinten und ich an den Gitarren und Aynsley Dunbar an den Drums…" - ein Stöhnen ging durch den Raum; Aynsley, der Überdrummer! - "… mitgespielt hätten, dann hättet ihr in den nächsten 100 Jahren kein Bein mehr unter den Tisch bekommen. Erweist dem Werk den nötigen Respekt!"
Man verbeugte sich!

Dietrich Gastrock, (Artikelliste), 25.11.2008

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