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| Trassenfieber, Wunschkind Media/Alive, 2009 |
| Sascha Gutzeit |
Stimme, Gitarren, Klavier, E-Piano & Orgel |
| Björn Krüger |
Schlagzeug, Rasseln & Hintergrundgesang |
| Theofilos Fotiadis |
Elektrobass |
| Ingo Meyer |
Elektrogitarre & Trittschalter |
| Martin Huch |
Hawaiigitarre |
| Tanya Münster, Tonia Decker & Vanessa Berg |
Hintergrundgesang |
| Gäste: |
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| Wolfgang Niedecken |
Gesang (Heut Nacht bleib ich hier bei dir |
| Produziert von: Andreas Herr & Sascha Gutzeit |
Länge: 61 Min 40 Sek |
Medium: CD |
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| 1. Trassenfieber | 10. Mädchen vom Heubruch |
| 2. Es fährt kein Zug nach nirgendwo (der fährt nach Wichlinghausen rüber) | 11. Mein Viertel |
| 3. Bin verliebt in meine Stadt | 12. Heut Nacht bleib ich hier bei dir |
| 4. Vohwinkel, Vohwinkel | Sonderfahrt: |
| 5. Das Geräusch von dem Zug, der nicht kommt | 13. Der Samba fuhr... |
| 6. Feiern am Dorp | Bonus: |
| 7. Zeit sich zu vertragen | 14. Der Sommer ist in Wuppertal |
| 8. Nordbahntrassenfledermaus | 15. Moppern |
| 9. Heissmangel aufm Rott | |
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Es gibt in vielen Städten die literarische Auszeichnung "Stadtschreiber". Damit geht meist eine Art Stipendium einher, sei es nun eine exponierte Wohnung an historischer Stelle oder, schlimmstenfalls, mehr oder weniger erzwungene 425 Auftritte vor örtlichen Wichtigmännchen samt Weibchen, auf jeden Fall ist der Würdenträger in seiner Stadt ab diesem Moment eine große Nummer. Finanziell geschadet hat der Titel eines Stadtschreibers wohl noch keinem, allerdings ist die Tätigkeit eher dem Bildungsbürgertum zuzuordnen, weniger dem Rock & Roll. Wenn Wuppertal eine mutige Stadtverwaltung hätte (hat sie nicht, der Bürgermeister ist von der CDU), würde demnächst mit Sascha Gutzeit ein Rock'n'Roller die Ereignisse in der Stadt dokumentieren, den Anfang hat er mit seinem neuen Album "Trassenfieber" schon gemacht. Liebevoller kann man seiner Heimat wohl kaum ein Denkmal setzen, auch wenn "die Mauer in den Köpfen nicht gefallen ist, denn jenseits der Haspeler Brücke ist man anders drauf."
"Trassenfieber" ist eine Hommage an Wuppertal - was allen Nicht-Wuppertalern möglicherweise bizarr erscheinen mag - und vor allem eine Städtereise entlang der historischen Nordbahntrasse, die in der Hauptstadt des Bergischen Landes für die Menschen (und so mancher Fledermaus) enorme Wichtigkeit besaß, vielleicht auch noch besitzt, aber das ist den Politikern bekanntlich völlig gleichgültig. Lokalkolorit pur also, aber wenn Herr Gutzeit seinen Stadtteilen Dorp, Elberfeld, Vohwinkel oder Wichlinghausen seine Liebeslieder singt, fühlt sich auch ein "Ausländer", sogar ein Münchner, in Wuppertal zuhause. Und zwar so, dass man Lust bekommt, sich einen Stadtplan zu besorgen, um die Fahrt mit dem Finger auf der Landkarte zu verfolgen. Wohlgemerkt, nicht Google Earth oder ein Navigationssystem, für "Trassenfieber" braucht man einen altmodischen Faltplan, den man hin und her blättert und mit Buntstiften markiert.
Sascha Gutzeit tritt diesmal wieder mit Band an, es knackt fast wie einst 2004 auf "Immer woanders", die ruhigen Momente sind wie immer völlig unpeinlich und schmalzfrei, einfach bezaubernd, manchmal nachdenklich und ein wenig nostalgisch, vor allem sprachlich überwältigend. Das Mädchen vom Heubruch hatte raue Hände, war die Bahnsteigprinzessin und erinnert Sascha an Fleischsalat. Warum? Nachhören!
In Zeiten angeordneter Mobilität und entwurzelter Jobnomaden sind Sätze wie "Ich gehör zu meinem Viertel" so anachronistisch wie schön, man wünscht sich automatisch zurück in sein eigenes Kindheitsquartal, in dem man die ersten Abenteuer erlebte. Gutzeit bedient auf diese Weise mit "Trassenfieber" ungewollt die Kundschaft der seit einigen Jahren so beliebten Heimatlyrik. Die Regionalkrimis, die Mundartdichter, die ortsbezogenen Bänkelsänger, sie alle vermitteln ein Zuhausesein, das viel zu viele Menschen nicht mehr haben. Wer in Wuppertal meckert, "moppert". Jeder der Trassenfieber hört, wird künftig nicht mehr meckern sondern moppern. Mehr kann eine CD nicht erreichen, als die Leute zu prägen. Großes Wort, klar, aber wer vor über 40 Jahren oder etwas später von My Generation geprägt wurde, darf heute ein klein wenig moppern.
"Trassenfieber" ist Gutzeits ganz persönlicher Heartland Rock, jener, den Springsteen schon lange nur noch heucheln kann. Apropos Springsteen. Die Chef-BAP-Nase Niedecken ist auf Dylans Heut Nacht bleib ich hier bei dir mit dabei (Tonight I'll be staying here with you vom 69er Album "Nashville Skyline"). Jetzt passt auf! Niedecken verkörpert seit 324 Jahren Kölner Lebensgefühl, und das mit bundesweitem Erfolg, also gebt dem Gutzeit die Chance, sein Wuppertaler Lebensgefühl zu zeigen.
Wie gesagt, die Texte sind anfassend, lebensnah, dem Volk aufs Maul schauend, satirisch, positiv, freundlich, intelligent und vor allem echt. Die Musik hat's in sich. In vorwiegend kleiner Besetzung schaffen sich Sascha & Band durch den Set, man bekommt simplen Rock und Roll und simple Balladen in einer Qualität, die der eines Carl Carlton nicht nachsteht, wer hätte das gedacht. Nicht umsonst ist u.a. Martin Huch mit dabei, ein Fachmann, den man auch bei Carltons SONGDOGS immer wieder hört.
Ich bring meine Wäsche ab sofort nur noch zu dem Typen mit der Heissmangel am Rott, der rockt nämlich. Weiß eigentlich noch jemand, was eine Heißmangel ist? Klar, eine Bügelmaschine, aber eben auch ein Laden, in dem gewaschen und gebügelt wird. Ich bin neben so einem Geschäft aufgewachsen. In München-Schwabing, nicht in Wuppertal. Der Geruch ist überall gleich und man vergisst ihn nicht mehr.
Wuppertal ist nicht glamourös, das Leben dort und anderswo auch nicht. "Trassenfieber" macht dieses Leben ein wenig schöner, auch wenn man Wuppertal gar nicht kennt.
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