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Sascha Gutzeit

Entschleuniger & Großstadt Astronaut

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Entschleuniger
Großstadt Astronaut
Sascha Gutzeit
Entschleuniger & Großstadt Astronaut, Meteor, 2007
"Entschleuniger":
Sascha Gutzeit Stimme, akustische Gitarre & Klavier, E-Gitarre (Arsch in der Hose)
Ingo Meyer Elektrische Gitarre & Trittschalter
"Großstadt Astronaut": Drums
Sascha Gutzeit Stimme, Klavier, Gitarre, Fender Rhodes, Harmonika, Banjo, Orgel, Bass
Ingo Meyer Elektrische Gitarre, Dobro
Chancy Gärtner Sax
Oliver Siegel E-Piano, Akkordeon, Klavier
Hennes Bender Stimme, Bass (Ich vermiss dich, Rock'n'Roll)
Henning Schulte Schlagzeug (Sonntag & Lebwohl, mein Liebling)
Franjo Obradovic E-Gitarren (Arsch in der Hose)
Detlev Orthey Schlagzeug (Arsch in der Hose)
NAME Klaus Steinbeck (Arsch in der Hose)
NAME Nadja Gutzeit (Arsch in der Hose)
Länge: 77 Min 54 Sek & 76 Min 27 Sek Medium: CD
"Entschleuniger":
1. Ich bin die Vorgruppe11. Was muss ich machen, daß du rockst?
2. Mondlicht Motel12. Aufzug
3. Kalamazoo13. Das kriegst du nicht hin
4. Zigaretten14. Nordstadt Blues
5. Hey Taxifahrer15. Rastaplatz
6. Down the highway16. Immer woanders
7. Füße hoch, Niveau kütt17. Entschleuniger
8. Eines langen Tages Reise in die Nacht18. Auf meiner Seite der Stadt
9. Frau Schröder19. Was übrig bleibt
10. Mein bester Song
"Großstadt Astronaut":
1. Unterwegs13. Angelina
2. Hau ab14. Clint Eastwood (live 2005)
3. Verwischte Spuren15. Unten am Depot
4. DJ (live 2006)16. Alles ist gut (live 2006)
5. Ich lieb' dich schon17. Diesel (live 2006)
6. Ich vermiss dich, Rock'n'Roll (mit Hennes Bender)18. Sonntag
7. Meine Stadt19. Sascha ohne Band
8. Pink Floyd20. Der schwache Moment (live 2004)
9. Die Tränen sind nur vom Lachen21. Kensington
10. Meine Omma (live 2006)22. Lebwohl, mein Liebling
11. Großstadt Astronaut (Soundcheck 2004)Nostalgie-Bonus:
12. Kakaogeld23. Arsch in der Hose

Sascha hat keine Band mehr. Das ist eine schlechte Nachricht für den deutschsprachigen Rock und Roll. Gut, nicht so schlimm wie zum Beispiel die Ankündigung einer weiteren "Ich liebe euch alle"-Stadiontour von Westernhagen wäre. Aber schon betrüblich für jene, die vor drei Jahren auf die Sternstunde "Immer woanders" flogen. Das waren natürlich keine Stadionladungen von Menschen, aber am Schluss doch ein paar Nasen aus der ehrenwerten Gesellschaft der verstehenden Musikfans. Sascha rockt also nicht mehr - so die Folgerung. Schade, schade, schade.
Dafür gibt es jetzt gleich zwei CDs mit insgesamt 40 Songs vom Sänger, Songwriter, Gitarristen, Klavierspieler und Geschichtenerzähler Sascha Gutzeit. 40 Lieder, vorwiegend nur mit Gesang, Gitarre und/oder Piano, manchmal mit einem einsamen Saxophon oder anderen "exotischen" Instrumenten eingespielt und aufgenommen. Bonjour tristesse - so die nächste Folgerung.

Warum beendet ein Musiker seine Karriere als Teamplayer, nur um fürderhin allein oder zu zweit die Kleinstclubs und Kleinkunstbühnen zu bespaßen? Sagt der Schlagzeuger zum Bandleader: "Sag mal, kannst du mich überhaupt ernähren?"
Reden wir also zuerst über die CD "Großstadt Astronaut". Darauf sind Sascha Gutzeits Song-Überbleibsel versammelt. Oder anders, nicht nur Überbleibsel, die vorher auf keinen CDs Platz gefunden hatten, sondern gut zur Hälfte die CD-Nummern im heutigen Arrangement, also in kleinster Besetzung gespielt. Live- und Studioaufnahmen aus den letzten drei Jahren, dazu ein Schmankerl aus 1993. Da kommt ein Liebeslied an Wuppertal vor, ein ernsthaftes Chanson im Duett mit Hennes Bender namens Ich vermiss dich Rock'n'Roll, eine Hommage an PINK FLOYD, vierzigsekündige Zweistropher à la "Meine Omma, meine Omma, schüttet immer Lösungsmittel auf ihre Kreuzworträtsel", danach DJ, das große Lied über die Befindlichkeiten pazifistischer Massenmörder in zeitgenössischen Diskotheken.
Natürlich wird auch Sozialkritik geübt, in Kakaogeld prangert Gutzeit die Zahlungsmoral lokaler Milchfabriken an. Ingo Meyer greift dazu eine wundervoll elektrische Rock'n'Roll-Gitarre. Ein Protestsong. Eindeutig.
Es gibt Banjo, Akkordeon, Besinnliches, Komisches und Musik für alle "Sendung-mit-der-Maus"-Seher: Schaut her, so geht das, so kann man Gefühl, Hintersinn und Humor, manchmal auch brachiale Wortverbiegungen, Kalauer und Wohnzimmerrockmusik verbinden. Sogar ein scheiß Liebeslied wie Alles ist gut, wegen dem man sogar ohne zugehörigem Kummer heulen muss. Wie isses dann erst mit?
Gutzeit singt auch von Käsekuchen, wie könnte man das Herz des Kritikers besser gewinnen? War er dabei, als vor vielen Jahren diese Woche passierte, als diese Frau und ich... meine Güte, da wird einem ganz schwummerig. Sie wird es nicht lesen, aber es sei gesagt: Was immer schief lief, es war genial und hätte trotzdem nie funktioniert. Hach ja, das ist Sascha ohne Band, der trotzdem behauptet vehement zu rocken. Geht das?
Zum Schluss gibts dann doch noch Vollbedienung. Arsch in der Hose knallt in einer Fassung von 1993 und bei voller Band infernalisch. Wat für ne Rocknrollsau, der Typ.

Die zweite CD heißt "Entschleuniger". Ja. Auf dem Cover sind skurrile Dinge von vor 35 Jahren abgebildet (innen Sascha Gutzeit). Tja, hätte er mal mich gefragt, bei mir steht auf dem Schrank ein Heizlüfter, in dem hängt noch der Originalstaub von 1965. Und das grüne Telefon mit Wählscheibe und der 112 und 110 drauf. Wer kennt das nicht?
Wohl kaum einer, der im Home of Rock lange lange Texte liest, um irgendwann zu erfahren, dass die gemeinte CD unbedingt in die Sammlung gehört.
Wenn in unseren Neuigkeiten Begriffe wie "Rock'n'Roll", "Roots", oder "Singer/Songwriter" auftauchen, klicken genau die richtigen Leute. Slow-Food-People, Rock'n'Roll-Idioten, die verstehen, was wir sagen. Die werden auch Sascha Gutzeit verstehen.

"Entschleuniger" ist der Mitschnitt zweier Konzerte vom letzten Oktober, aufgenommen in einem offensichtlich winzigen Club in der Eifel. Gutzeit und Meyer entspannen sich durch den Set, wechseln zwischen melancholischer Ballade und abstrusem Wupper-Rhythm & Blues wie Hey Taxifahrer, der Sänger erzählt vom Leid der Vorgruppe, der Gitarrist baut derweil wunderschöne Melodiebögen auf.
Es ist wirklich nur ein Zwei-Mann-Konzert, das aber abend- und raumfüllender als manche Blues-Bigband. Der Bildungsauftrag wird mit dem PISA-Song Füße hoch, Niveau kütt erfüllt, Beziehungen werden unpeinlich weggearbeitet, mit Worten wird beinahe im Willi-Astor-Stil bei Rastaplatz gespielt. Aufgemerkt, das ist Unterhaltung im allerbesten Sinn.
Elektrikpuristen werden einwenden, dass es doch nur Liedermacherei ist. Stimmt, aber solche Lieder müssen a.) erst geschrieben und b.) so spannend vorgetragen werden. Schade, dass Frau Schröder tot ist und "ihren" Song nicht mehr hören kann. Vielleicht hatte sie ja einen Sinn für jenseitigen Humor und Arbeiterlyrik, man weiß es nicht.
Die rhetorische Frage Was muss ich machen, dass du rockst beantworten die beiden Musiküsse selbst: Lied gut, Text gut, alles gut. Apropos Liedgut, da wäre noch der Rock'n'Roll Das kriegst du nicht hin. War ja bereits auf "Immer woanders", hat aber DSDS nicht verhindern können. Ein echter Superstar wäre derjenige, der diesen Song beim nächsten Casting den Crétins der Jury ins Gesicht knallt.

"Entschleuniger" und "Großstadt Astronaut" sind zwei CDs, die in ihrer Einfachheit und Intelligenz Freude bereiten. Wer mal wieder anständig lachen will, oder sich gerne die Zeit für ein (Hör-) Buch nimmt, darf jetzt ins Portemonnaie greifen. Sascha rockt nämlich!
"Rasta la vista, Baby."

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 04.04.2007

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