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Nur aus Spass

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Nur aus Spass
Nur aus Spass, BuschFunk, 2006
Stefan Dohanetz Drums, Percussion, Vocals
Kulle Dziuk Piano, Keyboards, Organ, Vocals, Guitar, Percussion
Jürgen Ehle Guitar, Mandolin, Harp, Vocals
André Herzberg Vocals, Harp
Jäcki Reznicek Bass, Vocals
Gäste:
Oscar Kaufmann & Dean Dudlitz Vocals (Nur aus Spass)
Produziert von: Thommy Harendt, Kulle Dziuk & Jürgen Ehle Länge: 59 Min 16 Sek Medium: CD
1. Ich wart' heut Nacht8. Hallo Chaos
2. Bleib mir mit Politik vom Leib9. Geld
3. Du kannst mich haben10. Herz aus Stein
4. Nur aus Spass11. Kleiner Mann, was nun
5. Wenn du hier bei mir bist12. Alles was ich will [All I wanna do]
6. Stille13. Ich hab Zeit
7. Komisch [Ironic]14. Am besten

Wer heute zwischen 40 und 50 ist und keine Berufsvertriebene oder Stammtischreaktionäre als Erzeuger hat, konnte die DDR als vollkommen normalen Staat mit absonderlichen Eigenheiten wahrnehmen und akzeptieren. Die Deutsche Demokratische Republik in Anführungszeichen - wie es unser Lieblingshetzblatt getan hat - und als ständige Bedrohung zu sehen war absurd, eher sah man die armen Schweine bedroht, die es wagten über den Zaun zu fliehen und dabei gerne erschossen wurden. Wie gesagt, absonderlich und ganz und gar nicht bunt und freundlich kam einem der Osten vor. Wir waren die mit Persil gewaschenen Friedensdemonstranten und die die Arbeiter- und Bauernstaat Graulinge.
Ein bisschen Musik gab es da drüben auch. Entweder im Untergrund und von ganz besonders grauen Herren bewacht oder bei AMIGA unter Vertrag und dementsprechend opportunistisch. Jedenfalls auf den ersten Blick, denn die Musik war zum größten Teil ödest handzahm und die Texte derart mit Metaphern gespickt, dass unsereins sie nie verstehen konnte. KARAT, CITY oder die PUHDYS gingen halt für einen ordentlichen Rocker gar nicht und SILLY eigentlich nur wegen Tamara Danz. Die anderen bekamen wir nie zu Gehör. Außer PANKOW. Die hatten schon wegen dem Namen einen Bonus. Nicht weil Pankow ein Ostberliner Stadtteil ist, vielmehr weil er sich so schön mit der letzten großen Revolution im Rock & Roll vertrug. Also die LP "Kille Kille Pankow" gekauft und... nix kapiert. Eigentlich ganz witzig, aber viel zu brav, eigentlich ganz fetzig, aber viel zu sehr auf Ost-Sound getrimmt.
Nur sechs Jahre später kam Kohl und von PANKOW ward nichts mehr gehört. Die Band existierte zwar bis Ende '98 weiter, war aber nur noch ein regionales Phänomen und Nebenerwerb für die Musiker.

Nebenerwerb gilt auch heute noch, wo sich PANKOW nach einer Tour im Jahr 2004 für ein neues Album partiell wieder zusammengetan haben. Sänger André Herzberg schreibt Bücher und melancholiert sich durch Soloplatten, Gitarrist Jürgen Ehle macht Filmmusiken und verdingt sich unter anderem bei der Liedersängerin Scarlett O' und Basser Hans Jürgen 'Jäcki' Reznicek, ohnehin seit vielen Jahren ein vielbeschäftigter Mann, ist zu einem äußerst begehrten Studio- und Livetieftöner geworden (u. a. SILLY, EAST BLUES EXPERIENCE und sogar bei Joachim Witt).
Folgerichtig heißt diese neue CD "Nur aus Spass" - und klingt auch so. Yes, der Spaß ist zurückgekehrt in die DDR, gebt den Ostalgikern keine Chance! Oder doch? Leider findet die Tour zum 25. Geburtstag ausschließlich im Osten statt. Wer grenzt hier wen aus? Publikum Band oder Band Publikum?
Egal, die CD läuft auf allen entsprechenden Wiedergabegeräten, ob in Eisenhüttenstadt oder Neunkirchen an der Saar - wo bekanntlich Honecker geboren wurde.

Deutschrock ist so eine Sache. Udo ist alt, Marius zieht sich falsch an, TOMTE sind dauernd betroffen, die verarzteten Hosen reichen nicht für dauerhafte Glückseligkeit in deutschen Reimen, bei ganz vielen singt eine hübsche junge Frau - und kann's nicht. Bei anderen mieft es provinziell, die nächsten haben mit den Herren Rock und Roll nichts am Hut, die dritten nuscheln oder singen unverständliche Dialekte oder beides und so manche scheiden wegen Dummtümelei von vornherein aus. Entsprechend sensibilisiert geht der Kritikaster an eine CD einer weiteren Veteranenband heran.

Tipp für den Verbraucher: "Nur aus Spass" nicht von Anfang hören, direkt mit Lied #13 einsteigen! Like A Rolling Stone kennt zwar jeder, aber wer es nicht besser weiß, vergibt hier die Gitarren-Credits an Carl Carlton oder wenigstens Johnny Winter. Herzberg intoniert so lässig wie weiland Kurt Ostbahn, Kulle Dziuk (der Bruder von Danny?) malträtiert die Hammond und Jürgen Ehle lässt ein Mörderdauersolo vom Stapel. Heilandsack, das ist New York-Wien-Berlin Metropolen-Rock & Roll mit ganz großen Scheinwerfern.
Man kann die CD natürlich auch von Beginn an hören. Dann muss man sich allerdings mit dem doch recht bürgerlichen Starter Ich wart' heut Nacht anfreunden. Anschließend sägt es bei Bleib mir mit Politik vom Leib aber gleich gar staubig durchs Plattenbau-Gipskartonmäuerchen. Verständlicher Text - korrekt ist er nicht -, Druck satt und wieder diese wissende Stimme mit ihrer Botschaft. Man hört zu und nickt - mal im Rhythmus, mal zustimmend. Die genannten Lindis und Müller-W's konnten das früher auch und sie konnten Zeilen wie "Mach dein Kleid auf und lass mich dich sehn" ähnlich geil und unpeinlich von sich geben. Heute nicht mehr.

Die Platte wurde in zwei Wochen Klausur aufgenommen. Keine Mätzchen, keine Protz-Produktion, nur aufs wesentliche reduzierter Rock'n'Roll mit Schwung und teilweise mächtig Kurvenlage, international teilweise vielleicht mit Sonny Landreth vergleichbar, national im Jahr 2006 bisher unerreicht.
Natürlich grinsen hier mal die STONES um die Ecke (hör mal, Keith, wie der Ehle in Stille anschiebt), da irgend ein anderer Untoter aus der Musikgeschichte, aber PANKOW machen schon lange keine Musik mehr für Abschlussklässler. Hier ist der zuhörwillige Rocker jenseits 20 gefragt.
Noch zwei Cover gibt's. Komisch (Ironic) von Alanis Morissette und All I wanna do - Alles was ich will von Sheryl Crow. Beide sensibel umgesetzt, erstklassig gespielt, mit Spaß und Herzblut ins eigene Programm integriert.
Scheißgute Musiker hatten die im Ostblock ja schon immer, nach all den Jahren kommt jetzt auch Lockerheit und Kreativität dazu (wenn man von der früheren Kreativität beim Versteckspiel in den Texten absieht). Das Ding groovt. Da geht auch mal ein plumper Hillbilly-Country wie Geld problemlos durch und sogar ins Bein.
Geld und Herz aus Stein stammen aus dem Jahr 2000 und wurden für eine Revue nach dem Märchen "Das kalte Herz" von Biedermeier-Dichter Wilhelm Hauff geschrieben. Kommt anders als der Rest, beißt aber nicht. Kleiner Mann, was nun hingegen passt punktgenau ins PANKOW-Konzept, obwohl es sogar schon 7 Jahre alt ist und natürlich in Zusammenhang mit Hans Falladas gleichnamigen Roman steht. Trinkende Schriftsteller mit Hang zu Zynismus und Selbstzerstörung sind schließlich auch in gewisser Weise Rocker.

Mit "Nur aus Spass" hätten PANKOW zweifellos die Türe für die nächsten Jahre weit aufgemacht. Wenn sie nicht von vornherein sagen würden, dass die Band als Hauptprojekt definitiv nicht mehr in Frage kommt. Schade. Andererseits sind solche Kleinode vielleicht nur unter dem Aspekt des Nicht-Müssens und Entspanntsein möglich. Wenn sie ihre Tournee im Herbst nun noch ein wenig in den Süden ausdehnen könnten...

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 07.06.2006

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