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Neil Diamond

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All Music Guide (englisch)

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Home Before Dark
Home Before Dark, Columbia Records/Sony BMG, 2008
Neil Diamond Vocals, Guitars
Natalie Maines Vocals [Another Day (That Time Forgot)]
Mike Campbell, Matt Sweeney, Jonny Polonsky Guitars
Benmont Tench Keyboards
Smokey Hormel Bass
Julia & Maxine Waters Background Vocals
u. a.
Produziert von: Rick Rubin Länge: 62 Min 57 Sek Medium: CD
1. If I Don't See You Again7. Act Like A Man
2. Pretty Amazing Grace8. Whose Hands Are These
3. Don't Go There9. No Words
4. Another Day (That Time Forgot)10. The Power Of Two
5. One More Bite Of The Apple11. Slow It Down
6. Forgotten12. Home Before Dark

Rick Rubins Job beim Megakonzern Sony ist ja, dass er für Columbia Records neue Stars entdeckt und diese dann via neuen Vermarktungswegen an den Käufer bringt. Unter diesem Gesichtspunkt müsste man ihn auf der Stelle entlassen, denn kein einziger seiner Acts hat bisher echtes Langzeit-Starpotential gezeigt und von überwältigenden Verkaufserfolgen ist ebenfalls nichts zu hören. Also mal wieder ein grotesk überbezahlter Manager mit Visionen, die zu nichts als sozialem Unglück führen? Mitnichten, schließlich gibt es noch etliche Altstars, die darauf warten, vom großen Rubin zurück ans Licht geführt zu werden. Und das kann er. Vermutlich könnte er sogar Elvis als "American Idol" neu erfinden.
Cash ist tot, Neil Diamond lebt noch und wird seit der schönen und von Rubin produzierten CD "12 Songs" plötzlich als schützenswertes Kulturgut betrachtet, dabei ist er doch bloß der Schnulzensänger, der in den Siebzigern einen Hauch von good clean Las-Vegas-Fun ins spießbürgerliche Wohnzimmer gebracht hat.
Unfair? Ja! Dieser Mann hat für sich und viele andere nachgerade geniale Hits geschrieben, man höre nur den Punch in Cracklin' Rosie oder I'm A Believer, das sogar von den albernen MONKEES zur #1 gemacht wurde. Und die 1976 von THE BANDs Robbie Robertson produzierte LP "Beautiful Noise" ist bis heute eine tolle Scheibe.
Am sympathischsten machte Neil Diamond von jeher die völlig unverhohlen zur Schau gestellte Massenkompatibilität. Der Mann wollte mit seiner Musik Geld verdienen und nicht als verkanntes Genie mit einer Nadel im Arm ins Nir(v)wana einziehen, basta. Er war sozusagen der Dieter Bohlen der Weltklassesongs, niemals jedoch ein Messias wie Alterskollege Dylan. Und nun arbeitet er mit Rick Rubin unverdrossen an seinem Alterswerk. Praktischer Zufall, dass Diamond schon immer bei Columbia war.
Die gute Nachricht für alle Beteiligten ist, dass dieses Alterswerk weitere Millionen in die Häuser Diamond, Rubin und Sony spülen wird. Man darf es ihnen nicht übel nehmen, manche Produkte haben es tatsächlich verdient, von Greti und Pleti und Hinz und Kunz und sogar rechtschaffenen Musikfans gekauft zu werden.

Um "Home Before Dark" und den Plan dahinter zu verstehen, muss man noch mal einen Schritt zurück zu "12 Songs" gehen.
Das neue Jahrtausend hatte Neil Diamond nicht mehr auf der Rechnung, seine Veröffentlichungen waren über viele Jahre nur noch seichter Kitsch und langweilig, sogar die so charismatische Stimme konnte nicht mehr begeistern. Dann kam Rubin und motivierte Diamond zu diesen introspektiven Songs, die auf den ersten Blick spartanisch daherkamen, in Wirklichkeit aber alle Ingredienzien klassischer Diamond-Hits hatten. Nur eben dezenter und etwas sperriger als früher. Der Plan ging auf, die alten Fans waren sowieso begeistert und die Kritiker tappten ob so viel Weisheit und Nachdenklichkeit in die Falle, wie die Nacktschnecke ins Bierschälchen.
Stufe 2 der Strategie ist nun "Home Before Dark". Das Volk ist angefixt und bekommt jetzt eine Breitseite konzentrierte Popsong-Schönheit verpasst, allerdings immer noch verpackt in dieses für Rubin typische "Wohnzimmerfeeling". Man darf sich für "Home Before Dark" schon mal die Pantoffeln bereitstellen und ein Kännchen Tee aufgießen.

Die Kombination aus großen Songs und genialer Produktion funktioniert bei dieser Stunde Musik so gut wie vorher nur in den magischen Momenten der "American Recording"-Tetralogie. Vor Liedern wie One More Bite Of The Apple muss man auf die Knie fallen und andächtig weinen, selbst das medienträchtige Duett Another Day (That Time Forgot) mit Natalie Maines von den DIXIE CHICKS ist niemals anbiedernd peinlich, sondern einfach schön und in der finalen Kulmination unfassbar sexy (ist der Mann am Klavier etwa Bruce Hornsby?). Ja, Erotik im Alter ist längst kein Tabuthema mehr.
Die Gitarren und die diversen Tasteninstrumente schaffen auf "Home Before Dark" herrliche Stimmungen und Neil Diamond singt anfassender als je zuvor. Bei so viel rauem Glanz wird sicher verziehen, dass Act Like A Man deutliche Ähnlichkeiten mit eigenem Frühwerk und vor allem Kenny Rogers' Lucille von 1977 hat. War ja auch ein toller Song.
Lucille ist übrigens ein gutes Beispiel. So viele Evergreens gibt es nicht, die über die Jahrzehnte nichts von ihrer schlichten Brillanz verloren haben. Spannende Frage, ob im Jahr 2040 von Neil Diamonds 2008er CD noch gesprochen wird. Wir Zeitgenossen dürfen uns derweil an "No words can say how I love you" erfreuen. Oder am Manifest The Power Of Two.
Doch alles wird übertroffen vom Blues Slow It Down. Der hier tätigen Band gebührt ein Grammy, und Neil Diamond ist so nah an der darstellerischen Vollkommenheit wie nie zuvor.

Wären die Musikkritiker und der Rock & Roll (und zwar in dieser Reihenfolge) drei Jahrzehnte jünger, könnte man mit solchen Schallplatten ein neues und goldenes Zeitalter der Songwriterkunst einläuten. So obliegt es dem über Jahre geschundenen und verarschten Konsumenten, ob er auf "Home Before Dark" einsteigt. Der Kritiker kann es nur dringend empfehlen.
In der Deluxe-Edition gibt es zwei Songs mehr und eine DVD mit vier Videos.

P.S.: Wenn es zur innovativen Vermarktungsstrategie Rubins gehört, den Medien Besprechungsexemplare ohne jede Information in die Hand zu drücken, sollte man über sein Salär noch mal nachdenken. Keine Tracklist, keine Namen der beteiligten Musiker, kein gar nichts. Das macht uns die Arbeit nicht wirklich leichter - und Spaß nur sehr beschränkt. Wäre "Home Before Dark" nicht so ein Highlight, das mickrige CDlein hätte in der Tonne geendet.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 03.05.2008

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