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Flirtin' With Disaster

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Flirtin' With Disaster
Flirtin' With Disaster, EPIC/Sony, 1979/2001
Danny Joe Brown Vocals
Dave Hlubek Guitar
Duane Roland Guitar
Steve Holland Guitar
Banner Thomas Bass
Bruce Crump Drums
Gäste:
Max Gronenthal Backing Vocals
Jai Winding Keyboards
Tom Werman Percussion
Produziert von: Tom Werman Länge: 56 Min 04 Sek Medium: CD
1. Whiskey Man9. Long Time
2. It's All Over Now10. Let The Good Times Roll
3. One Man's PleasureBonus Tracks:
4. Jukin' City11. Silver And Sorrow (Demo)
5. Boogie No More12. Flirtin' With Disaster (Live)
6. Flirtin' With Disaster13. One Man's Pleasure (Live)
7. Good Rockin'14. Cross Road Blues (Live)
8. Gunsmoke

1979 war ein gutes Jahr. Ich war mit der Schule fertig (die mit mir auch), es gab einen Rockpalast mit der J. GEILS BAND (die mich aus dem Sessel gezogen haben mit ihrem Rhythm & Blues) und Johnny Winter (der mich mit seinem Bluesrock wieder tief in den Sessel gedrückt hat, vor Staunen), AC/DC kamen mit "Highway To Hell" heraus, ich konnte sie im Circus Krone auch live sehen, ZZ TOP haben ihre letzte gute Platte, "Deguello", veröffentlicht und WHITESNAKE waren mit "Love Hunter" auf dem Höhepunkt.
Und MOLLY HATCHET brachten ihre zweite Platte, eben "Flirtin' With Disaster", auf den Markt.

War die erste LP von Hatchet noch vergleichsweise "braver" Southern Rock (wenn auch in dieser Art und Weise vorher nie gehört), brach "Flirtin'..." über uns herein wie ein Unwetter.
Ich kann mich noch ziemlich genau an den Moment erinnern, als wir die Platte erstmals aufgelegt haben. So was vergisst man nicht.
Trotz ungenügendem Equipment (Dual Plattenspieler mit lausigen Boxen), den alten Herrschaften im Nebenzimmer und einer quengelnden Schwester (die Pumuckl hören wollte), wurde das Kinderzimmer gerockt, bis die Barbie von Schwesterchen über ihren Ken herfiel und ihn im Boogierhythmus vernaschte. Naja.

Aber in der Tat hatte man so etwas vorher noch von keiner Band gehört. 3 Gitarren, die praktisch ständig im Einsatz waren. Riff, Solo, Riff oder Solo, Solo, Riff oder Riff, Riff, Riff. Es war schier unfassbar, was uns damals um die Ohren flog.
Sofort aufgefallen ist, dass trotz der drei Lead Gitarren, der Sound unglaublich gut war. Keine Sekunde Brei, unkoordinierte Überschneidungen oder nicht jedem Gitarristen ganz klar zuordenbare Töne.

Es gibt wohl in der Rockgeschichte kaum einen besseren Opener als Whiskey Man. Danny Joe Brown in der Form seines Lebens. Dazu die Harp und der brachiale Sound. Hammerhart.
Bei It's All Over Now wurde man belehrt, daß die, eh schon geniale, Version von Johnny Winter, auf "Captured Live", nur so etwas wie ein Appetithäppchen für Hlubek, Roland und Holland ist. Dazu noch das Boogiepiano von Jai Winding (der auf etlichen Hatchet Platten vertreten und überdies einer der gefragtesten Studio-Keyboarder überhaupt ist). Oh Mann, da geht die Post ab.
One Man's Pleasure, zieht einem die Schuhe mit seinem allgegenwärtigen Dauersolo aus. Schade nur, daß die Nummer nur dreieinhalb Minuten dauert. Man könnte ewig zuhören. Bruce Crump beweist, daß er einer der wenigen Drummer ist/war, die mit einfachen Mitteln maximale Wirkung erzielen. Perfekte Rhythmusarbeit. Er schaffte es, auch bei den härtesten Songs, einen Good Time-Effekt hinzutrommeln.

Erst mit Jukin' City wird es, vermeintlich, etwas ruhiger. Aber dann bohrt sich der Song mit seinen "fliegenden" Gitarren für immer und ewig im Ohr fest. Du kriegst ihn nie mehr raus.

Über 6 Minuten Boogie No More auch nur einen Ton zu verlieren, wäre reine Blasphemie. Was da abgeht, ist nicht zu beschreiben. Wer das nie gehört hat, hat sein Leben verpennt. Ich kriege auch 22 Jahre später noch Gänsehaut bei diesen Gitarren.
Damit war Seite 1 der LP abgeschlossen. Man konnte sich kaum entscheiden die Platte umzudrehen. Eigentlich musste man sie sofort nochmal von Anfang an laufen lassen. Und un-eigentlich ist alleine mit Seite Eins bereits ein Klassiker des Southern Rock perfekt. Alles was auf der Rückseite noch kommen könnte, darf als Zugabe angesehen werden. Und insgeheim befürchtet man nach 20 solchen Minuten immer einen Einbruch.

Kennt noch jemand das alte Spiel, bei neuen LPs erst mal die Rillen zu betrachten, um zu sehen, wo es richtig schwarz ist. Das waren dann nämlich die Balladen. Viele Platten sind auf diese Art und Weise durch mein Boogieraster gefallen. "Flirtin' With Disaster" war durchgehend in einer Farbe. Hellschwarz.
MOLLY HATCHET waren damals so gut, dass sie auch eine zweite Plattenseite problemlos mit Klassikern füllen konnten. Man höre nur mal die Soli im Titelsong. Das ist entfesselt, enthemmt und absolut rücksichtslos jedem Nachwuchsgitarristen gegenüber.

Kurz und gut, auch die verbleibenden 5 Nummern sind Southern Boogie, wie er von KEINER anderen Band jemals wieder gespielt wurde. Selbst das vergleichsweise ruhige Gunsmoke powert unentwegt und alle 3 Gitarren schenken sich nichts.

Und damit sind wir beim Grund dieser Besprechung.
Sony, als Nachfolger von CBS, bringt jetzt eine remasterte Version der CD auf den Markt.
Ganz ehrlich, ich kann kaum einen Unterschied zum Original (weder zur LP noch zur CD-Fassung) erkennen. Dazu ist der Sound des Originals viel zu gut. Etwas lauter vielleicht und an einigen wenigen Stellen ein Quäntchen dynamischer. Wirklich notwendig ist der Zusatz "Digitally Remastered" nicht.
Aber! Es gibt 4 Bonus Tracks.

Silver And Sorrow ist ein Demo, das (lt. Linernotes) für "Flirtin' ..." aufgenommen wurde und dann - zurecht - nicht auf die Platte kam. Der Song hätte auch nicht in den Kontext gepasst. Wenn überhaupt, dann auf das Debut. Zu brav für "Flirtin' With Disaster". Trotzdem ein feiner Song, der nicht ganz ausgearbeitet scheint und bei dem man tatsächlich leichte Schwächen im Bassbereich hören kann. Ein Demo eben. Sound ist ok und der echte Hatchet Fan muß ihn haben. Schöne Ausgrabung.
Die drei folgenden Liveaufnahmen stammen von 1980 und sind in Jacksonville aufgenommen. Was soll man dazu sagen?
Hatchet sind sicher eine der meist gebootlegten Southern Bands. Dementsprechend hat der Kenner diese Songs bereits in mindestens einer Version. Vielleicht sogar von diesem Konzert.

Bei Flirtin' With Disaster ist Bruce Crump im Mittelteil etwas zu schnell unterwegs, Banner Thomas kann nicht ganz folgen. Ansonsten: Gitarrenwahnsinn wie gehabt und sie spielen den Song mit 6 Minuten auch schön aus. Die Ansagen von DJB. Aua.
One Man's Pleasure hat seine volle Wirkung immer schon erst live entwickelt. Hier auch. Und den uralten Robert Johnson-Schlager Cross Road Blues möbeln sie - mit einem satten "Rock and Roll"-Schrei von DJB am Anfang - gehörig auf. 1980 war Danny Joe noch gut beieinander. Viele Jahre später spielten sie die Nummer mal als Jam, zusammen mit dem Sänger von URIAH HEEPp, Bernie Shaw. Bernie hat Danny damals ganz furchtbar in Grund und Boden geshoutet. Das wäre 1980 nicht passiert.
Der Sound der drei Liveaufnahmen ist tadellos. Besser als auf der letztjährigen "Live at the Agora Ballroom" von 1979. Insofern ist diese Veröffentlichung gerechtfertigt. Aber ich weiß nicht, ob nicht "überraschendere" Titel zur Verfügung gestanden hätten? Egal. Der Molly Hatchet-Sammler wird sich auch diese CD besorgen müssen.

Ich habe Hatchet ein Jahr später erstmals persönlich gesehen. Beim Golden Summernight Festival. Und sie haben den Eindruck der LP voll und ganz bestätigt, bzw. sogar übertroffen. Das waren mit Sicherheit die besten Jahre dieser Band, die besten Songs und die beste Besetzung. Wer diese 6 langhaarigen Wilden jemals gesehen hat, wird mir nicht widersprechen. Oder?
Plattentechnisch wurde "Flirtin' With Disaster" nur noch von einer Scheibe übertroffen: "Beatin' The Odds". Aber die hat Jimmy Farrar eingesungen und das ist eine andere Geschichte...

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 07.09.2001

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