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Sonic Boom

(Limited Edition - Box-Set)
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Roadrunner Records
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All Music Guide (englisch)

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Sonic Boom
Sonic Boom (Box-Set), Roadrunner Records, 2009
Paul Stanley Lead Vocals & Guitar
Gene Simmons Lead Vocals & Bass
Tommy Thayer Lead Guitar & Lead Vocals
Eric Singer Drums & Lead Vocals
Produziert von: Paul Stanley & Greg Collins Länge: 43 Min 19 Sek & 53 Min 38 Sek; ca. 34 Min (DVD) Medium: Do-CD & DVD
"Sonic Boom":
1. Modern Day Delilah7. All For The Glory
2. Russian Roulette8. Danger Us
3. Never Enough9. I'm An Animal
4. Yes I Know [Nobody's Perfect]10. When Lightning Strikes
5. Stand11. Say Yeah
6. Hot And Cold
"Klassics":
1. Deuce9. Lick It Up
2. Detroit Rock City10. I Love It Loud
3. Shout It Out Loud11. Forever
4. Hotter Than Hell12. Christine Sixteen
5. Calling Dr. Love13. Do You Love Me?
6. Love Gun14. Black Diamond
7. I Was Made For Lovin' You15. Rock And Roll All Nite
8. Heaven's On Fire
"Live In Buenos Aires" (DVD):
1. Deuce4. Watchin' You
2. Hotter Than Hell5. 100,000 Years
3. C'Mon And Love Me6. Rock And Roll All Nite

Wer KISS letztes Jahr live erlebt hat, wird mit gemischten Gefühlen (und leerem Geldbeutel) nachhause gegangen sein. Einerseits war da die großartige, gigantische, einzigartige, vollkommen begeisternde Show, andererseits die seit nunmehr 36 Jahren bekannte musikalische Leere.
Nein, es ist nicht so, dass KISS nicht unglaublich geniale Songs aus inzwischen vier Jahrzehnten auf Lager hätten, es ist eher das STONES-Syndrom, das einem zu denken gibt. Da werden über so viele Jahre Hits am Stück geschrieben, nur klingt es live mieser und hohler als bei den sattsam bekannten Coverbands. Natürlich waren "Alive!" und "Alive II" Meilensteine, aber uns allen ist klar, dass darauf sogar das Publikumsgebrüll getürkt war. Trotzdem, Gene Simmons und Paul Stanley haben sich als Geldbeschaffer und PR-Innovatoren längst so in unsere Herzen gemogelt, dass man von ihnen beinahe gern betrogen wird. KISS ist die Band, die den Rock & Roll endgültig zum Vergnügungspark inklusive Kindergeburtstag bei Ronald McDonald gemacht hat. Und jetzt gibt es nach gefühlten 25, realen 11 Jahren ein neues Studioalbum.
"Psycho Circus" (1998) war schwach, "Carnival Of Souls" ein Jahr davor sowieso eine Farce, "Revenge" aus 1992 ist das letzte ernstzunehmende Studioalbum der großen Band KISS.
Der Knackpunkt an der "Sonic Boom" benannten Wiederkehr ist, dass ausgerechnet Paul Stanley, der vor drei Jahren mit seinem laschen Soloalbum "Live To Win" langweilte, bei KISS wieder die Produktionszügel in die Hand nehmen wollte. 'Komischerweise' beharrte er auf ein "pures" KISS-Album, ohne fremde Songwriter und Studiomusiker und Erfolgsproduzenten à la Desmond Child etc. Ja was nun?

Man kann es vereinfachen und sagen, dass "Sonic Boom" die geilste KISS-Platte seit "Love Gun" von 1977 ist. Die alten Säcke haben es tatsächlich geschafft, ein so dermaßen ursprüngliches Kiss'n'Roll-Album einzuspielen, dass man als grundsätzlicher Pessimist alten (und geschminkten) Bands gegenüber erstmal nach Luft schnappen muss, um dann… begeistert zu sein. Uh ja, da lebt noch was!
Der Einstieg Modern Day Delilah, ein Stück von Stanley, gerät noch verhältnismäßig heavy-belanglos, aber ab Gene Simmons' Russian Roulette gerät die Chose sozusagen außer Kontrolle, obwohl bei dieser Band vermutlich sogar die Toilettenzeiten kontrolliert sind. Ein Riff-Härtner mitsamt AC/DC-Dumpfbackenchor, was will man mehr? Außer einem von sich selbst geklauten Never Enough vielleicht. Genau für diese Songs lieben wir KISS. Die Dinger gehen einfach ab, da hilft auch die schlimmste Misanthropie nicht.
Wir sind zurück in den besten Zeiten dieser Band. Man mag es wirklich kaum glauben, aber Klopfer wie Yes I Know (Nobody's Perfect) begeistern wie weiland als wir 18 waren. Eine klassische 80er-Hymne wie Stand ernüchtert da beinahe, wenn nicht dieser endgeile Drive drin wäre.
"If it's too hot, you're too cold - if it's too loud, you're too old", besser kann man Rock & Roll nicht beschreiben. Und ja, Sätze wie "Baby, feel my tower of power" sind endlos dumpf-macho, aber, verdammt noch mal, das ist doch vollkommen egal, wenn mit einem/einer die Partysau dabei durchgeht.
Dass ausgerechnet Eric Singers' Gesangsbeitrag zu All For The Glory den langweiligsten Song der CD begleitet, ist Pech für ihn. Die zweite belanglose Nummer ist Stanleys Danger Us, und die dritte I'm An Animal von Simmons. Dafür kommt Tommy Thayer in und mit When Lightning Strikes gut raus.
Say Yeah kriegt zum Abschluss noch mal die Kurve zu den Achtzigern, kann aber genau wie dieses Jahrzehnt nicht wirklich überzeugen.
Im dritten Drittel hatten die alten Herren dann doch ein paar Konditionsprobleme, aber fett ist "Sonic Boom" dennoch. Richtig fett.

Ein echter KISS-Fan wäre kein echter KISS-Fan, wenn er sich nicht das dicke Box-Set zulegen würde. Kostet eh nur zwei Euro mehr als die schnöde neue Studioplatte und bietet tatsächlich einen Mehrwert. Das sollten sich so manche Edelausgaben-Abzocker bitte hinter die Ohren schreiben: KISS ist eine Firma mit dem einzigen Unternehmenszweck, richtig viel Geld zu verdienen, aber dafür wird dem Kunden auch etwas geboten. In diesem Fall gibt es die CD "Kiss Klassics" bzw. "KISSology" (diesen Titel gab es schon öfter) und eine gute halbe Stunde live aus Buenos Aires auf DVD.
Die "Klassics" sind 15 (!) neu eingespielte, nomen est omen, Klassiker aus den Siebzigern und Achtzigern (Forever vom 89er "Hot In Te Shade" ist die 'neueste' Nummer), wobei man sagen muss, dass der Kram nicht für "Sonic Boom" produziert wurde, sondern schon vor einem Jahr unter dem Namen "Jigoku-Retsuden" in Japan und als "KISSology" in Amerika auf den Markt kam. Der echte KISS-Fan könnte das Teil inklusive 77er-Auftritt im Tokioter Budokan auf DVD also schon besitzen. Falls nicht, hier ist die Begründung, warum man spätestens jetzt zugreifen muss:

Songs wie Shout It Out Loud oder Rock And Roll All Nite waren niemals Werke für die Philharmonie, sie wurden schlicht zu einer Zeit als Chartbreaker konzipiert, in der banaler Party-Rock'n'Roll der harten Sorte noch in den Hitparaden und ganz großen Konzertarenen Erfolg haben konnte. KISS hatte dieses alberne, für einen QUOiker absolut inakzeptable Image, aber KISS hatte auch die Kracher - und ein beeindruckendes Konfliktpotential beim Kampf mit den 'reaktionären' Erzeugern. Trennte man als QUO- oder Gallagher-Fan das Karnevalsgetue vom krachenden Rock & Roll der New Yorker, hatte man eine klasse Band mit einer Wagenladung Songs, die nicht nur laut und hart sondern auch einzigartig waren. Epochal und stilprägend zudem.
Richtig blamiert hat sich die Maschine KISS letztendlich trotz aller Ausrutscher nie, aber irgendwann ging der 'Spirit' flöten. "Space Ace" Frehley flog wegen seiner untragbaren Suchtneigung, Peter Criss war am Schlagzeug ohnehin austauschbar und ebenfalls nicht clean, die Neunziger waren grundsätzlich nicht gut zu Poserkapellen und dem Rock & Roll der 1970er. Aber das Merchandise lief immer prächtig bei den KISS-Kaufleuten, und man muss zugeben, dass die Actionfiguren mitsamt Bühnenaufbau und allem Pipapo wirklich toll aussehen und einen exponierten Platz auf dem Wohnzimmerschrank verdient haben. Bloß musikalisch kam, siehe oben, nichts nennenswertes mehr. Die viel bejubelte Reunion mit Frehley und Criss ab 1995/96 mitsamt Gigantotourneen und diversen Aus- und Wiedereinstiegen war unterm Strich nur heiße Luft, speziell Ace Frehley verblüffte immer wieder mit drastischen Fehlleistungen und versaubeutelte nicht wenige Auftritte. Sein aktuelles Album "Anomaly" verdeutlicht sein Problem: er ist einfach nicht gut genug.
Ausreichend Gründe also für Gene Simmons und Paul Stanley, die Highlights der Vergangenheit mit den beiden "neuen" Bandmitgliedern Tommy Thayer und Eric Singer ein zweites Mal einzuspielen, live nudeln sie das Zeug eh dauernd runter.
Überraschungen gibt es dabei nicht, die Herren halten sich zu 98% an ihre eigenen Originale, aber das genügt für gesteigerten Hard Rock Spaß. Brüller wie das SLADE-affine I Love It Loud müssen von Zeit zu Zeit zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden, damit die Menschheit nicht vergisst, dass Rock & Roll eine Traumfabrik ist, die uns allen eine gute Zeit bereiten soll. Die Songs von KISS konnten und können das perfekt, man muss nur das Riffmonster Lick It Up oder das so grandios naive Christine Sixteen hören - und dazu rocken wie damals.
Bis auf das nach wie vor superlangweilige Liedchen Forever ist "Klassics" ein Muss für alte Fans und Neueinsteiger, daran gibt es keinen Zweifel.

Der dritte Teil der so genannten Limited Edition ist die gut halbstündige DVD mit Teilen des oben erwähnten Auftritts in Buenos Aires. Vermutlich wird es dieses Konzert irgendwann komplett geben, das wäre auch nicht falsch, denn Auftritte vor so einem Publikum sind für jede Band der Welt Highlights. Es gibt ein paar Soundprobleme auf dieser DVD, die gut sichtbare Stümperei der Bühnenarbeiter am Anfang ist sympathisch, Simmons und Stanley sind in Großform, Eric Singer brilliert technisch und showmäßig, nur Tommy Thayer, immerhin der Leadgitarrist, scheint einen blöden Arbeitsvertrag abgeschlossen zu haben, er hat nämlich bei dem viel zu hektisch geschnittenen Video kaum Solospots. Dafür bringt Stanley die Mikrofonkabel-um-den-Hals-und-wieder-zurück Nummer exzellent cool. Die fragwürdigen Backing Vocals zu Rock And Roll All Nite sind angesichts der Partystimmung in der Arena verzeihlich, und die Laufleistung der älteren Herren auf den unfassbaren Plateauschuhen ist gewaltig.

"You wanted the best and you got the best - the hottest band in the world" ist angesichts eines solchen Dreierpacks nicht sonderlich übertrieben. Es ist nur eine kleine Zahl Künstler, die auf diesem Niveau und vor allem mit dieser Begeisterungskraft über Jahrzehnte besteht. KISS gehört dazu.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 01.10.2009

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