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Johnny Winter

Roots

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Roots
Roots, Megaforce Records/Sony Music, 2010
Johnny Winter Vocals, Guitar
Paul Nelson Lead & Rhythm Guitar
Mike DiMeo Organ, Piano
Scott Spray Bass
Vito Liuzi Drums
Gäste:
Don Harris Trumpet
Joe DiMeo Baritone Saxophone
Johnny Montagnese Handclapping
Produziert von: Paul Nelson Länge: 52 Min 17 Sek Medium: CD
1. T-Bone Shuffle - feat. Sonny Landreth on Slide Guitar7. Bright Lights, Big City - feat. Susan Tedeschi on Lead Guitar & Vocals
2. Further On Up The Road - feat. Jimmy Vivino on Guitar8. Honky Tonk - feat. Edgar Winter on Saxophone
3. Done Somebody Wrong - feat. Warren Haynes on Slide Guitar9. Dust My Broom - feat. Derek Trucks on Slide Guitar
4. Got My Mojo Workin' - feat. John Popper on Harmonica10. Short Fat Fannie - feat. Paul Nelson on Guitar
5. Last Night - feat. Frank Latorre on Harmonica11. Come Back Baby - feat. John Medeski on Organ
6. Maybellene - feat. Vince Gill on Guitar

Johnny Winter war zeit seines - gottlob noch andauernden - Lebens ein Gefangener. Ein Gefangener seines Über-Ichs, das in diesem Falle besser Unter-Ich heißen sollte, ein Gefangener seiner Suchtveranlagung und nicht zuletzt ein Gefangener seiner Manager. Jetzt ist er 67 und gesundheitlich seit Jahren am Ende; was ihn aber nicht hinderte, nochmals ein neues Album einzuspielen.
Bis Ende 2005 litt Winter mehr als 20 Jahre lang unter dem zunehmend alkohol- und geisteskranken Teddy Slatus, der sehr viel Geld durchbrachte und kurz nach seinem viel zu späten Rausschmiss verstarb. Mit ihm als mutmaßlichen Anstifter ging Winter in den Neunzigern des letzten Jahrtausends durch die letzte und zerstörerischste Drogenhölle, als er ohne Plattenvertrag und Ideen mal wieder auf Heroin, Wodka und Psychopillen war. Wer in der Zeit bis ca. 2003 eines der selten gewordenen Konzerte des einstigen Gitarren-Wizards sah, erlebte ein auf 45 Kilo abgemagertes Gespenst, das ähnlich wie Peter Green nur noch instinktiv handelte, von geistiger Selbstbestimmung aber weit entfernt war. Nicht wenige Fans verließen solche Konzerte vorzeitig und mit Tränen in den Augen.
Seinem seit 2005 neuen Manager und Co-Gitarristen Paul Nelson ist anzurechnen, dass er aus dem Wrack wieder einen Menschen gemacht hat, der in Interviews gerne sagt, dass er so lange er lebt spielen möchte, denn ansonsten wisse er nicht was er tun könnte. Durch Nelson hat Winter auch wieder einiges an Reputation bei Plattenfirmen und Konzertveranstaltern zurück gewonnen, für 2012 stehen bereits jetzt etwa 40 Auftritte fest, etliche davon in Europa, und für die CD "Roots" kam er beim eigentlichen Metal-Label Megaforce Records unter, das seinen Vertrieb über die große Sony Music steuern lässt. Aber musste dieses "Roots" auch wirklich sein?

Die Songabfolge liest sich unbeschreiblich trist, man bekommt glatt den "Winterblues", und die zuhauf vertretenen Gaststars machen wenig Hoffnung auf ein echtes Johnny Winter Album. Man erinnere sich, Johnny Winter konnte ihn einst, den wahren Blues, sogar mit eigenen Songs und in unnachahmlicher Weise. 1977 war das und die LP hieß "Nothin' But The Blues". Einen Grammy gab es dafür obendrein. In dieser Zeit holte Winter auch den in Vergessenheit geratenen Muddy Waters zurück ins Rampenlicht und produzierte mit ihm drei Studio- und eine Live-LP, welche dem alten Waters drei Grammys und ein paar Millionen für die Erben einbrachten.
Ab dieser Phase wurde Winter immer mehr zum Blueser denn Stadion-Rocker, "White, Hot And Blue" (1978), "Raisin' Cain" (1980) und der 79er Auftritt im Rockpalast waren trotzdem krachende Statements.
Die Zeit bei Alligator Records brachte zwischen 1984 und '86 drei großartige Bluesrock-Alben zutage, "The Winter Of '88", "Let Me In" (1991) und ein Jahr später "Hey, Where's Your Brother" deuteten in abnehmendem Maße ein letztes Mal das Können des halb blinden Gitarrengenies an, aber dann begann der Verfall. Die schwer shuffelnde und grundsätzlich tolle CD "I'm A Bluesman" aus dem Jahr 2004 war purer Fake. Winters Anteil am zu hörenden klassischen Winter-Sound dürfte gegen Null gehen, denn solche Soli konnte er live schon seit Jahren nicht mal mehr im Ansatz spielen - "I'm A Bluesman" war ein Sieg der Technik und guter Sidemen. Die Tricksereien beim Gesang kann mit einem halbwegs geübten Ohr hören. Insofern ist "Roots" ehrlicher, denn hier wird sofort klar, dass mehr als ein paar Fills und matte Vocals von John Dawson Winter III nicht mehr zu erwarten sind. Die Highlights besorgen so gut wie ausschließlich die Gäste.

Die Produktion ist deutlich dezenter als noch bei "I'm A Bluesman", Paul Nelson hat bewusst auf einen leicht angestaubten Blues-Sound gesetzt und die Arrangements relativ einfach gestaltet, wohl um den auftretenden Solisten mehr Raum zu geben. Und einige nutzen diesen Raum auch weidlich. Wenig überraschend ist das natürlich bei Warren Haynes, der Elmore James' Done Somebody Wrong seine typische Slide spendiert und Johnny noch ein nettes Wackelsolo spielen lässt. Wer die Nummer mit Pfeffer hören möchte, darf weiterhin zu "At Fillmore East" von den ALLMAN BROTHERS greifen.
Ungemütlicher wird es bei den Beiträgen von John Popper, Susan Tedeschi und Derek Trucks. Popper schränkt die Bandbreite seines Harmonikaspiels immer mehr ein und klingt hier so gleich wie anderswo (Frank Latorre macht das gleich im Anschluss deutlich angenehmer), die gute Frau Tedeschi nervt mit ihrem anbiedernden Gesinge und ihr Göttergatte Derek fügt der abgenudeltsten Nummer des Albums - nichts hinzu. Bei aller Liebe, aber Dust My Broom mit Derek Trucks an der Lead-Slide und Johnny Winter an der Backing-Slide ist etwa so aufregend wie ein gemeinsames Abendessen mit Angela Merkel. Da helfen auch die aufgeweckt wirbelnde Band und Trucks fraglos gutes Spiel nichts mehr.
Vince Gill, der Countrymann, macht aus dem nicht weniger scheintoten Maybellene immerhin einen flotten Country-Stomper mit Twang und einem Augenzwinkern und Bruder Edgar pustet beim Instrumental Honky Tonk lustig ins Horn. Sollte Johnny das Solo tatsächlich selbst gespielt haben, ist es ihm gut gelungen - ein Vergleich mit früher verbietet sich trotzdem. Edgars beziehungsweise Jerry Lacroixs Uralt-Kamelle Come Back Baby, ein Slow Blues, ist zum Abschluss noch ein echter Leckerbissen. Der Jazzer John Medeski spielt eine wunderschöne Orgel.
So gut wie gar nicht fällt übrigens Sonny Landreth beim eröffnenden T-Bone Shuffle auf. Passt aber zum ohnehin unauffälligen Song von T-Bone Walker.

"Roots" ist kein wichtiges Album in der an wichtigen Alben reichen Vita von Johnny Winter. Man könnte als Kritiker auch sagen, dass niemand eine solche Blues-Platte braucht. Aber, und das ist wichtig, Johnny Winter braucht die CD, genau wie er seine Konzerte braucht. Nehmen wir ihm also sein Lebenselixier nicht und wünschen ihm ein gutes Jahr 2012.

PS: Wie perfekt Paul Nelson sein Idol auf der Gitarre doublen kann, hört man bei Short Fat Fannie, das er als Solist bestreitet.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 15.12.2011


 
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