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Live At Shoreline

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Live At Shoreline
Live At Shoreline, Rhino Home Video, 2005
Jerry Garcia Vocals, Guitar
Melvin Seals Keyboards
John Kahn Bass
David Kemper Drums
Jackie LaBranch & Gloria Jones Vocals
Länge: ca. 172 Min Medium: DVD
1. How Sweet It Is To Be Loved By You8. I Second That Emotion
2. Stop That Train9. Think
3. Dear Prudence10. And It Stoned Me
4. I Shall Be Released11. Waiting For A Miracle
5. Run For The Roses12. Don't Let Go
6. My Sisters And Brothers13. That Lucky Old Sun (Just Rolls Around Heaven All Day)
7. Deal14. Tangled Up In Blue

Wenn man sich einige Wochen lang mit der furiosen DVD von T. REX und dem glamourösen Marc Bolan beschäftigt hat, erscheint einem ein danach eingelegter Konzertmitschnitt von Jerry Garcia zunächst etwa so spannend wie die Nationalhymne kurz vor dem Fernsehtestbild.* Optisch sowieso - der Gegensatz Bolan (Frühphase)-Garcia (Spätphase) ist unaussprechlich - und akustisch fühlt man sich für einige Minuten auf dem ganz falschen Dampfer. Da groovt sich ein ältlicher Dicker gemütlich ein, ein noch dickerer Keyboarder bemüht die Hammond und hinten schwingen zwei Ladys die gospeligen Hüften.
*: Niemand konnte mir bisher den Sinn der Nationalhymne zum Sendeschluss erklären. Ging es dabei um eine Siegerehrung? Und wenn ja, wer hat was gewonnen? Oder handelte es sich um ein Staatsbegräbnis? Der Bayerische Staatsfunk spielte sogar zwei Hymnen als Medley, die deutsche und die bayrische. Eines haben Bolan, Garcia und Hymnen zum Sendeschluss aber gemeinsam: Es gibt sie nicht mehr, sogar der Sendeschluss ist sanft entschlafen.

Anfang September 1990 gab die JERRY GARCIA BAND anstatt der eigentlich geplanten GRATEFUL DEAD ein Konzert im Shoreline Amphitheater, weil DEAD-Keyboarder Brent Mydland sich einen guten Monat vorher ins Jenseits geschossen hatte. Die drei (!) bestellten Kameras blieben vor Ort und so kommen wir nun (m.W.) erstmals in den Genuss eines kompletten Konzerts der JGB auf DVD.
Nach einigen Minuten, spätestens bei Stop That Train von Peter Tosh, ist die anfängliche Befremdung über die Gemächlichkeit der Musik und Darstellung wie weggeblasen. Die über Jahre bewährte Besetzung des Garcia-Nebenprojekts fliegt durch einen, größtenteils ebenfalls über Jahre erprobten Set und kann trotz aller Entspanntheit völlig begeistern.
Garcia griff an diesem Tag einmal mehr in seine geliebte Coversong-Kiste und bewies sich wie immer als profunder Musikhistoriker, der aber letztlich alle Adaptionen zu seinen eigenen Werken machte. Zu prägnant sind seine Stimme und seine Art Gitarre zu spielen gewesen.

Die einzelnen Songs dürften den Fans hinreichend bekannt sein, Überraschungen sind nicht auszumachen, aber die eine oder andere Interpretation sollte auch den wissendsten Kenner aus den Puschen reißen. So spielt Garcia bei Dear Prudence von den THE BEATLES eines seiner wohl begeisterndsten Solos überhaupt. Das in Deal steht in fast nichts nach - hat sogar ein paar falsche Töne extra.
Das zweitauffälligste Bandmitglied war natürlich Keyboarder Melvin Seals mit seinen herrlichen Rhodes- oder Hammond-Kaskaden. Allerdings waren Langzeitbassist John Kahn und Schlagzeuger David Kemper nicht weniger wichtig für den Gruppensound. Vor allem Kahn gibt manchem Song genau den Drive, der ihn vor einem Abgleiten aufgrund Garcias Soloeskapaden bewahrt. Manches Mal sieht man regelrecht, wie überrascht die Band über einen Ausflug des Chefs ist, bevor sie ihn nach Minuten wieder zurückholen können. Verblüffend, wie professionell und hochmusikalisch auch auf die abgefahrensten Ideen Garcias reagiert wird. Dessen Sprünge im Blues Think würden die meisten anderen Bands in nackte Verzweiflung stürzen. Einzig in Don't Let Go gerät Garcia etwas zu sehr außer Kontrolle und aus einem Jam wird ein ausgewachsenes Durcheinander. Dem gegenüber steht das überwältigende Tangled Up In Blue, über das Bob Dylan sich sicher gefreut hat.
Garcia liebte Soul, R&B und Gospel. Er selbst hatte natürlich nicht die Stimme eines Marvin Gaye, aber dafür hatte er die überwältigenden Sängerinnen Jackie LaBranch und Gloria Jones in der Band. Ob nun alte Songs aus den zwanziger, fünfziger oder sechziger Jahren oder relativ zeitgenössische Werke von Dylan, Bruce Cockburn (der Waiting For A Miracle natürlich besser als Jerry sang) oder Van Morrison (And It Stoned Me ist im Original, gelinde gesagt, ermüdend), die beiden Damen untermalen alles unglaublich beseelt und einfühlsam und entgleiten niemals in unkontrolliertes Geschrei, wie neulich von mir anlässlich der Joe Cocker-DVD bemängelt.
Selbst wenn, wie im Schleicher That Lucky Old Sun, die Musik beinahe stillzustehen scheint, entfesselt die JERRY GARCIA BAND einen wahren Sturm der Emotionen. Und zwar nicht nur beim Konzertpublikum von vor 15 Jahren, sondern auch beim Heimseher heute.

Die DVD kommt zwar in relativ spartanischem Outfit, überzeugt aber inhaltlich völlig. Die Bildqualität ist perfekt, die nur drei Kameras sorgen für eine wunderbare Ruhe in der Bildführung, der Sound ist sowohl in 5.1 als auch in L-PCM Stereo glasklar, die abrufbaren Infos zu jedem Song sind informativ und gut und die Untertitel sind bei den Interviews mit Robert Hunter und vor allem den Bandmitgliedern (natürlich ohne John Kahn, der 1996 verstarb) ausgesprochen hilfreich.
Apropos Interviews. Robert Hunter und auch die JERRY GARCIA BAND zeichnen ein Bild Garcias, das ihn als Mutter Theresa der Rockmusik darstellt. Mir persönlich ist das etwas zu viel Gutmensch und zu wenig kritische Distanz, aber wenn er tatsächlich so war, muss man ihm noch mehr Respekt zollen als es ohnehin in einschlägigen Kreisen getan wird. Die Informationen über die Herangehensweise an die Musik seiner verschiedenen Bands und die Hochachtung seiner ehemaligen Kollegen vor den Deadheads rechtfertigen den Genuss der Interviews allemal.

Eine wunderschöne, wenngleich ruhige und besonnene DVD, die man sich ohne Bedenken auch als Nicht-Deadhead kaufen darf.

Format: DVD-9
Tonformat: Dolby Digital 5.1 & L-PCM Stereo
Bildformat: 4:3 (NTSC)
Sprache: Englisch
Untertitel: Deutsch & fünf weitere Sprachen
Ländercode: 2, 3, 4, 5 (NTSC)
Extras: Interviews & kommentierte Tracklist

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 20.09.2005

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