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The Final Frontier

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The Final Frontier
The Final Frontier, EMI Music, 2010
Bruce Dickinson Vocals
Dave Murray Guitars
Adrian Smith Guitars
Janick Gers Guitars
Steve Harris Bass & Keyboards
Nicko McBrain Drums
Produziert von: Kevin Shirley Länge: 76 Min 34 Sek Medium: CD
1. Satellite 15... The Final Frontier6. Isle Of Avalon
2. El Dorado7. Starblind
3. Mother Of Mercy8. The Talisman
4. Coming Home9. The Man Who Would Be King
5. The Alchemist10. When The Wild Wind Blows

An einem neuen Album von IRON MAIDEN herumzukritteln ist im Grunde hinfällig. Man muss nicht jeden Erguss lieben, klar, aber die Engländer sind längst in eine Liga entschwunden, die heute nur noch von wenigen bespielt wird. Der Superstar League. Und da spielen sie ganz vorne mit, denn wer von den sonstigen Megastars vergangener Zeiten bringt noch alle paar Jahre frisches Material heraus und geht mit den neuen Songs brav auf Tour, anstatt bieder ausschließlich die alten Hits fürs Hausfrauenpublikum zu spielen? Natürlich geht auch Steve Harris auf Nummer sicher und bombardiert das willige Volk mit Unmengen Wiederveröffentlichungen, Livealben, historischen Ausgrabungen und ganz speziellen "Special Editions", aber das ist legitim, es wird ja niemand gezwungen, jeden Fliegenschiss zu kaufen.
Auch an "The Final Frontier", dem 15. Studioalbum, wird wieder herumgemäkelt werden bis sich die Hitparaden biegen. Dem einen wird es zu soft sein, dem anderen nicht speedig genug, dem dritten mit zu langen Songs verunstaltet, die mit den Superohren werden feststellen, dass Bruce Dickinson nicht mehr richtig singen kann, und Janick Gers ist sowieso eine Zumutung. Außerdem ist der Sound miserabel und ein neues Wrathchild, The Clairvoyant oder gar The Number Of The Beast ist schon gar nicht zu finden. Was für ein Desaster.
Dabei ist die Sache mit "The Final Frontier" und allen Vorgängeralben seit "Brave New World" von 2000 ganz einfach: Man kann die Songs mögen oder eben nicht. Schlechten Sound wird es von dieser Millionärsband schon aufgrund der technischen und finanziellen Mittel nie mehr geben, er kann einem nur subjektiv missfallen. Dass Dickinson nicht mehr klingt wie vor 30 Jahren… liebe Güte, wer außer Udo Jürgens hat das jemals geschafft? Wer die alten Kamellen hören will, soll gefälligst, ja, ja, die alten Platten auflegen und seine vergilbten "Rock Hard" Hefte von 1983 ff. lesen. IRON MAIDEN steht immer noch für Weiterentwicklung, nicht für kreativen Stillstand. Und im Gegensatz zu JUDAS PRIEST kommt immer noch anhörbares Zeug dabei heraus, auch wenn der Sound, der Gesang etc. blablabla…

Wenn ein Kritiker keine Kritik üben will, ist er entweder ein verblendeter Hardcorefan, der grundsätzlich niemals ein negatives Wort über seine Helden absondern würde, oder einer, der von der Lebensleistung und dem aktuellen Output einer Band beeindruckt ist. Edward the Head, also Eddie, das deutlich gealterte Hausmonster, soll mich holen, wenn ich ein ausnahmsloser Bewunderer von IRON MAIDEN wäre, im Gegenteil, mit dem Gebrüll von Paul Di'Anno konnte ich nie, das Dauergegniedel auf den frühen Platten ist mir bis heute genau so ein Graus wie die NWoBHM-Billigproduktionen von Labels wie beispielsweise Neat Records, auch wenn da unschätzbare Perlen dabei waren, und das beste Album von IRON MAIDEN ist ohne jeden Zweifel "Seventh Son Of A Seventh Son". Can I Play With Madness ist außerdem ein Jahrhundertsong.
Jemand anderer Meinung? Gut, dann legen wir noch einen drauf.
Es gibt Lieder wie Stairway To Heaven, die ähnliche Wichtigkeit wie Beethovens 9. Sinfonie für die Musikgeschichte haben. Von LED ZEPPELINscher Größe war und ist IRON MAIDEN selbstverständlich weit entfernt, aber befänden wir uns in einer Zeit, die großartige Kompositionen zu würdigen wüsste, ein Werk wie When The Wild Wind Blows hätte große Chancen in den Rock-Walhall aufgenommen zu werden. In diesen 11 Minuten ist tatsächlich alles drin, was harte Rockmusik inklusive traditionellem Melodic-Metal im Jahr 2010 ausmacht. Das ist schön, spannend, abwechslungsreich und es lädt zum Mitspielen ein. Nur neu und hip ist es nicht und weil Musik heute vorzugsweise am Mobiltelefon gehört wird, wird When The Wild Wind Blows genau wie The Man Who Would Be King (8 ½ Minuten) wohl nicht in die Musikgeschichte eingehen. In 200 Jahren wird irgendjemand diese beiden Nummern als grandioses Spätwerk einer epochalen Band des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts lobpreisen, im Moment verpuffen die Anstrengungen von Steve Harris und Dave Murray leider im Nirwana der Ignoranz.

10 Nummern sind auf "The Final Frontier", die CD läuft gut 76 Minuten, also hat man im Schnitt fast acht Minuten pro Song. Das ist viel Zeit. Viel Zeit für aufregende Musik, allerdings auch viel Zeit für Langeweile. Wer mit den ausufernden - und niemals in sinnlose Metal-Attacken verfallenden - Songs etwas anfangen kann, wird höchst zufrieden sein. Da wird zum Bass- und Riffgewitter stramm marschiert in El Dorado, akustisch-keltisch gerockt in den genannten Longtracks, theatralisch gesteigert in Mother Of Mercy, wie es einst Dio konnte. Es wird allerdings auch immer wieder das gleiche Muster des Songaufbaus verwendet: Einleitung - Steigerung - Höhepunkt - Schluss. Wie beim Schulaufsatz. Da würde man sich ein wenig Abwechslung wünschen, muss aber gleichzeitig anerkennen, dass die meisten Höhepunkte echte Höhepunkte sind. Harris' Bass ist sowieso allgegenwärtig und oft überragend, die Gitarren haben immer wieder ihre ganz großen Momente, Dickinson brilliert. Was will man also mehr?
Mehr Double-Leads statt Triple-Rhythm könnte man wollen. Transparentere Drums auch. Einen weniger "analogen" Klang vielleicht. "The Final Frontier" hat einen auf "vintage" getrimmten Sound, der bestimmt nicht jedermanns Geschmack ist und viele Spitzen, speziell aus den Gitarrensoli, herausnimmt. Beispielsweise Starblind kann man sich deutlich giftiger vorstellen. Es ist aber wohl Absicht, denn wie schon beim deutlich anders klingenden "A Matter Of Life And Death" und den anderen CDs des letzten Jahrzehnts ist wieder Kevin Shirley Produzent, und der ist ganz sicher nicht plötzlich taub geworden.

"The Final Frontier" wird diejenigen Fans, die sich bis heute gewichts- und evolutionsresistent in ihre Kutten von 1980 zwängen, genauso überfordern wie schon "A Matter Of Life And Death". Wer sich das neue T-Shirt allerdings in passender Größe kauft (Leute, habt keine Angst vor dem X vor dem L!) und auf richtig guten Metal eines in Würde reich gewordenen Originals steht, der wird "The Final Frontier" mögen. Das Teil ist besser als 99% aller Versuche der viel zu vielen Nachahmerbands, speziell unter dem Gesichtspunkt, dass wir es hier mit den Erfindern all der bis heute verwendeten Klischees zu tun haben.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 10.08.2010

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