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| Fillmore West 1969, Rhino Records, 2005 |
| Jerry Garcia |
Lead Guitar, Vocals |
| Mickey Hart |
Drums |
| Bill Kreuzman |
Drums |
| Phil Lesh |
Bass, Vocals |
| Ron "Pigpen" McKernan |
Vocals, Harmonica, Organ, Percussion |
| Bob Weir |
Rhythm Guitar, Vocals |
| Tom Constanten |
Organ |
| Produziert von: David Lemieux & Jeffrey Norman |
Länge: 203 Min 10 Sek |
Medium: 3 CD-Box |
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| CD 1: | |
| 1. Morning Dew (11:05) | 4. I'm A King Bee (7:31) |
| 2. Good Morning Little Schoolgirl (11:00) | 5. Cosmic Charlie (6:02) |
| 3. Doin' That Rag (6:56) | 6. Turn On Your Lovelight (19:09) |
| CD 2: | |
| 1. Dupree's Diamond Blues (4:48) | 4. St. Stephen (7:51) |
| 2. Mountains Of The Moon (4:52) | 5. The Eleven (15:13) |
| 3. Dark Star (19:43) | 6. Death Don't Have No Mercy (9:58) |
| CD 3: | |
| 1. That's It For The Other One (23:30) | 3. Drums (6:52) |
| - Cryptical Envelopment | 4. Jam (25:31) |
| - The Other One | 5. Caution (Do Not Stop On Tracks) (9:13) |
| - Cryptical Envelopment | 6. Feedback (7:54) |
| 2. Alligator (4:00) | 7. We Bid You Goodnight (2:01) |
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Manchmal tut Musik richtig weh. Zum Beispiel, wenn man eine Schallplatte hört, die vom 27. Februar bis 2. März 1969 aufgenommen wurde. Das werden also bald 37 Jahre und demzufolge muss die enthaltene Musik nach Schellack und Grammophon klingen. Im Umkehrschluss plagen sich schon damals lebende Menschen, wenn sie denn überhaupt noch existieren, schließlich auch mit diversen Alterszipperlein. Hinten zwickt's, vorne knickt's...
Da liegt also ein Dreierpack CDs vor mir, der eben damals aufgenommen wurde, und man ist versucht, die Teile direkt an den ZDF-Oberlehrer Guido Knopp zu schicken, damit der sie für seine Sendereihe "History" verwurstet. Wackelige Bilder in schwarz/weiß, rauschende Kommentare längst verstorbener Zeitzeugen, Querverweise bis hin zu Julius Caesar blieben uns nicht erspart.
Doch, oh Wunder, da rauscht ja gar nix! Natürlich, manches Foto im üppigen Booklet mutet ob der Haartracht und Klamotten etwas verwunderlich an, und klar, etliche der Ausführenden von damals sind lange nicht mehr unter uns (Jerry Garcia starb bekanntlich 1995, Ron "Pigpen" McKernan 1973, und selbst der Ort des Geschehens, das Fillmore West in San Francisco ist mitsamt seinem Erfinder Bill Graham längst verschieden). Doch was da fast dreieinhalb Stunden lang aus den Boxen kommt ist Rockmusik, frisch, lebendig, revolutionär, also all das, was den allermeisten zeitgenössischen Kapellen fehlt. War früher alles besser?
Quatsch, überhaupt nix war früher besser! Anders war's, das ist alles. Zum Beispiel konnten die jungen Menschen um Jerry Garcia sich aufgrund des herrschenden Zeitgeists auf den Bühnen über viele Stunden austoben, ohne dass ihnen der Strom abgedreht wurde. Sie konnten auch ihre Songs immer und immer wieder verändern, sie durften sich heillos verzetteln und schon mal konsequent einen ganzen Song völlig neben der Spur liegen - dem Love-, Peace- und Kraut-seligen Volk war's egal, im Mittelpunkt stand das Event an sich. Im Grunde also gar nicht so anders als heute, nur müssen die Events im dritten Jahrtausend natürlich etwas mehr bieten als ein paar mittelhässliche Vögel beim stundenlangen Soundcheck.
4 Nächte traten GRATEFUL DEAD im Fillmore West auf. Es gibt die kompletten Konzerte auch als 10-CD-Box, aber mal ehrlich, das muss wirklich nur jemand haben, der ansonsten keine Hobbys hat. Das jetzt von Rhino Records freundlicherweise veröffentlichte Destillat beschränkt sich auf 3 CDs mit "nur" knapp dreieinhalb Stunden Spielzeit, vermeidet Überschneidungen, springt geschickt und ohne hörbare Brüche zwischen den einzelnen Tagen, bietet außergewöhnliche Klangqualität und präsentiert eine Band, die in diesem Frühjahr 1969 in ihren besten Momenten wirklich spektakulär war (ein paar Monate später hatte bekanntlich Bryan Adams seinen Summer Of '69, aber das ist eine andere Geschichte von einem anderen Planeten; möglicherweise dem der Affen).
Man kann an diese wunderschöne Box auf verschiedene Weisen herangehen. Möglichkeit A: CD 1 einlegen, Booklet lesen und Player auf "Repeat all" stellen. Diese Vorgehensweise ist nicht ratsam, denn man wird bei der spannenden Geschichte des Buches kaum etwas von der Musik mitbekommen. Empfohlene Alternative: Erst lesen, dann hören. Zwischendurch wird man ohnehin immer wieder nachblättern müssen oder sich mittels der vielen Bilder ins Fillmore bzw. ins Jahr '69 versetzen.
Die erste CD zeigt eine Band, die überraschend tief im Blues verwurzelt ist. Es sind Takes vom 27. und 28. Februar, mit dem kompletten ersten Set vom 28. plus dem Rausschmeißer vom ersten Tag, Cosmic Charlie (schauriger Gesang übrigens). Im Grunde also beinahe ein komplettes Konzert, auf jeden Fall die essentiellen Bestandteile und der Rest kommt auf den folgenden CDs.
Wie sich die DEAD durch die Bluesklassiker Morning Dew, Good Morning Little Schoolgirl, I'm A King Bee und Turn On Your Lovelight kämpfen, erinnert an die Spielfreude von z.B. FLEETWOOD MAC zur etwa gleichen Zeit. Da wird nicht gecovert sondern interpretiert, ergo dem schon damals altersschwachen Onkel Blues eine Frischzellenkur verabreicht. Allerdings ohne den Faltenglätter Botox und ohne Silikon für die dicke Lippe, wie sie von Gitarrenhelden wie Alvin Lee oder Stan Webb mit seinen CHICKEN SHACK zwecks Massenkompatibilität und Erregung öffentlicher Erregung gerne verwendet wurden. Demzufolge klingt der Blues der DEAD auch heute noch spannend, die kleinen - bei dieser Band üblichen - Unsauberkeiten kann man locker verschmerzen. Garcia war nunmal nie ein Franz Beckenbauer an der Gitarre, macht das aber dreifach mit Einsatz wett - der psychedelische Horst Hrubesch sozusagen.
Natürlich kann eine Aufnahme aus dem Jahr 1969 nicht wie neu klingen. Aber den Blues-Verweigerern unserer Tage sei gesagt, dass Blues nicht per se verstaubt sein muss, auch wenn er schon so alt ist wie hier. GRATEFUL DEAD waren viel zu sehr Hippies und intelligent, als dass sie sich erblödet hätten, Baumwollpflückerstimmung erzeugen zu wollen. Die Ansage "The great high hope" fiele keiner Bluesmuckel-Hinterwäldlervereinigung ein.
Erwähnenswert, und zwar über die gesamte Laufzeit der drei CDs, ist die Leistung von Bassist Phil Lesh. Der spielt seinen Bass höchst expressionistisch, pumpt die Band pausenlos nach vorne und sorgt für eine für DEAD-Verhältnisse relativ rockige Performance. Im Gegensatz zu seinen schlagzeugenden Kollegen Hart und Kreutzmann kann er auch den manchmal abstrusen Ausflügen seines Chefs folgen. An manchen Stellen erscheint es fast belustigend, wie Mickey Hart und Bill Kreutzmann dem Rhythmus hinterhecheln und teilweise mehr gegen- als miteinander spielen. In ihren (vielen) guten Momenten grooven und swingen sie allerdings beachtenswert.
CD 2 und 3 zeigen G.D. wie man sie erwartet (Hasser würden sagen befürchtet). Zwei folkige Aufwärmer vom 28.2., dann die über fünfzigminütige Marathontour durch Dark Star, St. Stephen, The Eleven und Death Don't Have No Mercy vom Uraltblueser Reverend Gary Davis.
Mag Dark Star für einen Geniestreich halten wer will, für Freunde von Melodien ist es einfach nur ein kakophonischer Klangversuch auf LSD. Hat man diese Tortur über die vollen zwanzig Minuten überstanden, darf man zur Wiedergutmachung in einem wirklichen Jam-See baden bis man Runzeln an den Fingern hat. Die ineinander übergehenden Nummern sprühen vor Einfällen und waghalsigen Sprüngen, münden bei The Eleven in einen von Lesh zusammengehaltenen rauschhaften Percussion-Gitarre-Sturzbach und beweisen, dass die Band selbstverständlich durchaus gut spielen konnte. So einen 11/8 Rhythmus kriegt der Laie nicht hin. Mit klarem Kopf wär es allerdings noch schöner geworden...
Den Abschluss der Trilogie bildet tatsächlich der letzte Tag im Fillmore. Zweimal um 25 Minuten (That's It For The Other One und Jam), der Rest besteht aus Quickies zwischen vier und neun Minuten, dazu das Winkewinke We Bid You Goodnight.
Wie spannend und explosiv Jam sein kann, zeigt That's It For The Other One. Wieder ist Phil Lesh die heimliche Führungsfigur, aber Jerry Garcia war an diesem Abend ganz offensichtlich in Hochform. Kaum Verspieler, einige tolle Soli, erfreulich richtiger Gesang und eine ganze Menge Banddienlichkeit (wenigstens im ihm möglichen Rahmen) durchziehen That's It... und den ganzen Set. Sogar Tom Constanten lässt konstruktive Geräusche aus seinen Keyboards ertönen, nicht wie oftmals nur fragmentarische Piepser.
Das Schlagwerkersolo ist unvermeidlich und nicht zu lang, Jam des Rezensenten Liebling, weil fiebrig und aufregend, und am Ende der Scheibe, beinahe hätte ich gesagt am Ende des Abends, ist man fast so geschafft wie ein echter Ohrenzeuge. Mit einem Unterschied: Es ist kaum vorstellbar, dass der Sound im Fillmore West annodunnemals ebenso exzellent war. Die Aufnahmetechnik der DEAD war damals zwar revolutionär, aber erst durch die heute ebenso wegweisenden Restaurierungsmöglichkeiten ist dieses Klangwunder möglich (beispielsweise bin ich nicht sicher, ob der Quietscher nach einigen Minuten Jam ein Spiel- oder Bandfehler ist) .
Übrigens, die legendäre Doppel-LP "Live/Dead" wurde in der gleichen Konzertreihe aufgenommen. Die Titelüberschneidungen sind aber nur nominell, sie stammen von unterschiedlichen Tagen. Kein Grund zur Panik für Deadheads also.
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