HoR Logo kl CD-Review:

Logo Gov't Mule

By A Thread

Logo Home-of-Rock

Link Homepage:
Offizielle Gov't Mule Homepage
Link Homepage:
Gov't Mule @ MySpace.com
Link Kaufen:
Just For Kicks Music
Link Plattenfirma:
Provogue Records
Mehr Info:
All Music Guide (englisch)

Unser Disclaimer
By A Thread
By A Thread, Mascot Records, 2009
Warren Haynes Guitars, Vocals
Matt Abts Drums, Percussion
Danny Louis Keyboards, Rhythm Guitar
Jorgen Carlsson Bass
Gäste:
Billy Gibbons Lead Guitar (Broke Down On The Brazos)
Andy Hess Bass (Scenes From A Troubled Mind & World Wake Up)
Gordie Johnson Vocals (Scenes From A Troubled Mind)
Produziert von: Warren Haynes & Gordie Johnson Länge: 67 Min 38 Sek Medium: CD
1. Broke Down On The Brazos7. Frozen Fear
2. Steppin' Lightly8. Forevermore
3. Railroad Boy9. Inside Outside Woman Blues #3
4. Monday Mourning Meltdown10. Scenes From A Troubled Mind
5. Gordon James11. World Wake Up
6. Any Open Window

Allmächtiger, "By A Thread" hat eine gewaltig lange Zündschnur. So lang, dass man sich ernsthaft drei Monate und viele, wirklich viele Listeningsessions Zeit nehmen muss, um die neue CD von Warren Haynes und seiner Band GOV'T MULE vielleicht halbwegs fair beurteilen zu können. Drei Monate sind allerdings unterm Strich eine vergleichsweise kurze Zeit, wenn man bedenkt, dass beispielsweise PEARL JAMs geniales Debut "Ten" geschlagene 15 Jahre gebraucht hat, um dem hoffnungslos wertkonservativen Kritiker seine Einzigartigkeit aufzuzeigen. Gut, Grunge war 1991 DAS rote Tuch für einen Rocker und ist mit Warren Haynes' Wichtigkeit für die klassische Rockmusik nicht zu vergleichen, aber leichter macht das "By A Thread" auch nicht.
Stellt sich die Frage: Machte Haynes es einem jemals leicht? Antwort: Ja, denn bisher sind alle Platten von GOV'T MULE entweder sofort ("High & Mighty" und sein Reggaebruder oder "Life Before Insanity") oder überhaupt nicht explodiert ("Déjà Voodoo" und vor allem "The Deep End"), doch diesmal passierte auf der emotionalen Ebene erstmal, oh weh, gar nichts. Kein Entsetzen, keine echte Begeisterung, "By A Thread" rauschte einfach so vorbei. Wie eine x-beliebige Scheibe von irgendeiner noch beliebigeren Dutzendkapelle. Ist das nicht seltsam?

Die verschiedenen Entwicklungsstufen der Meinungsbildung sparen wir uns, denn kaum eine CD hat einen Weg wie "By A Thread" gemacht, begonnen bei "gehört und abgelegt" bis zum heutigen "echt gut", um den vorläufigen Endstand Mitte Januar 2010 vorwegzunehmen.
Die Malaise fängt mit dem Opener an. Warren Haynes und Billy F. Gibbons im Gitarrenduett. Toll, oder? Oder ist es etwa so, dass man Billy Gibbons überhaupt nicht an der Seite von Warren Haynes sehen und hören will? Vielleicht, weil man von dem einen Sensation und Innovation, von dem anderen schon lange gar nichts mehr erwartet? Könnte sein, dass dieses Denken die Freude auf einen gemeinsamen Song der beiden trübt. Die Wahrheit liegt am Ende irgendwo dazwischen. Zu Jorgen Carlssons Bratz-Bass, vorbei offenbar die Zeit jazziger Verspieltheiten, und einem verblüffend flach abgemischten Schlagzeug, wobei sich Matt Abts der (manischen) Mechanik von Frank Beard ganz gut anpasst, trickst sich Haynes gewohnt gekonnt durch die Nummer, bis etwa bei Halbzeit der alte Mann mit dem langen Bart mit einem altbekannten und doch immer wieder netten Solo einsteigt. Da geht es dann von rechts nach links und wieder zurück, die beiden spielen sich die Bälle zu und alles ward gut. Alles? Nur fast, denn man hat das dumpfe Gefühl, dass sich Haynes bewusst zurückhält, möglicherweise um Gibbons nicht vor unlösbare Aufgaben zu stellen. Trotzdem, so tief im Texas-Boogie hat man MULE selten gehört und vor 20 Jahren wäre so eine Zusammenarbeit als Weltsensation wahrgenommen worden.
Steppin' Lightly hat ebenfalls ein Problem. So oder so ähnlich hat man GM mehr als einmal gehört, erst der schiebende Chorus nach gut zwei Minuten und die sich in die Höhe schraubende Gitarrenlinie etwas später geben der Nummer den gewissen Kick - und nach sieben Minuten ist man bedient. Etwas mehr Keyboard-Extravaganzen von Danny Louis könnte man sich vorstellen, doch insgesamt geht Steppin' Lightly mit erhobenem Daumen durch.
Sucht man nach anderen Versionen des Traditionals Railroad Boy, stößt man zwangsläufig auf Joan Baez. Das ist schlimm, aber Haynes quält uns gottlob nicht mit wimmerndem Folk, er macht Railroad Boy genau wie zig andere Coversongs davor einfach zu einem Mule-Song. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Genau dieses "nicht weniger, aber auch nicht mehr" ist im Grunde das Verdikt über "By A Thread". In jedem einzelnen Song dieser CD gibt es wie bei GM üblich unendlich viel zu entdecken, kleine Feinheiten und große Instrumentalleistungen, bei den BEATLES, SPIRIT oder PINK FLOYD geborgte Soundspielereien, staunenswerte Breaks und Richtungsänderungen, maximalen Druck und mit (vordergründig) minimalem Aufwand transportierte riesige Gefühlswelten.
Zwei (weitere) Hendrix-Hommagen gibt es (Any Open Window und Inside Outside Woman Blues #3), wobei man über Jorgen Carlssons Bass ein wenig nachdenken darf. Aber nur nachdenken, denn Warren steht völlig auf den bisherigen Sessionmusiker. Ob man wohl auch über die Notwendigkeit weiterer Wah-Orgien nachdenken darf? Andererseits, wenn nicht Haynes, wer dürfte ansonsten heutzutage noch ungestraft in Jimis Spuren wandeln? Besser als alle Coverbands zusammen ist das allemal.
Das heimliche Highlight der CD ist das herrlich luftige Frozen Fear, das man sich von einer funktionierenden ALLMAN BROTHERS BAND wünscht. Ach ja, falls bei Frozen Feat jemand "bäh, schon wieder Reggae" murmelt, sollte der sich dringend "Babylon By Bus" von Bob Marley anhören, um einen Eindruck von Reggae zu bekommen.

"By A Thread" ist nicht das wichtigste Album von GOV'T MULE, schlechtreden kann man es allerdings auch nicht, zu groß ist das Können aller Beteiligten. Die Kritikpunkte sind, dass die songwriterischen Überraschungen ausbleiben und der eiskalte Wahnsinn von "Life Before Insanity" verschwunden ist. Wo GOV'T MULE den Hörer früher gnadenlos abgewatscht hat, ist heute Kalkül zu finden, das aber mit dem von "High & Mighty" nicht konkurrieren kann. Für sich alleine betrachtet ist "By A Thread" natürlich ein Meisterwerk. Etwas anderes kann Warren Haynes auch gar nicht. Jedenfalls bis jetzt, denn Kreativität genug für eine drastische Kehrtwendung bei der nächsten CD steckt noch genug in ihm.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 01.01.2010


 
© Home of Rock 2001 & ff., Impressum & Kontakt