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| Poor Boy - The Deram Years 1972-1974, Castle Music, 2006 |
| Stan Webb |
Guitar & Vocals, Bass ("Unlucky Boy") |
| John Glascock |
Bass ("Imagination Lady") |
| Paul Hancox |
Drums ("Imagination Lady" & "Unlucky Boy") |
| Tony Ashton |
Piano, Keyboards ("Unlucky Boy") |
| Bob Daisley |
Bass ("Unlucky Boy") |
| Chris Mercer |
Saxophones ("Unlucky Boy") |
| Terry Noonan |
String Arrangements ("Unlucky Boy") |
| Rob Hull |
Bass ("Goodbye Chicken Shack/Go Live") |
| Allan Powell |
Drums ("Goodbye Chicken Shack/Go Live") |
| Dave Wilkinson |
Piano, Keyboards ("Goodbye Chicken Shack/Go Live") |
| Produziert von: Neil Slaven ("Imagination Lady" & "Unlucky Boy") |
Länge: 127 Min 55 Sek |
Medium: Do-CD |
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| CD 1: | |
| "Imagination Lady" (1972) | 9. Revelation |
| 1. Crying Won't Help You | 10. Prudence's Party |
| 2. Daughter Of The Hillside | 11. Too Late To Cry |
| 3. If I Were A Carpenter | 12. Stan The Man |
| 4. Going Down | 13. Unlucky Boy |
| 5. Poor Boy | 14. As Time Goes Passing By |
| 6. Telling Your Fortune | 15. Jammin' With The Ash |
| 7. The Loser | 16. He Knows The Rules |
| "Unlucky Boy" (1973) | Bonus Track: |
| 8. You Know You Could Be Right | 17. As Time Goes Passing By (Single Version) |
| CD 2 - "Goodbye Chicken Shack/Go Live" (1974): | |
| 1. Everyday I Have The Blues | 6. You're Mean |
| 2. The Thrill Is Gone | 7. Poor Boy |
| 3. Going Down | 8. Webb's Guitar Boogie Shuffle |
| 4. You Take Me Down | 9. Tutti Frutti |
| 5. Webb's Boogie | |
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Ja ja, der Stan Webb. Auch so eine getriebene Seele, die seit gut fünfdreißig Jahren in den Medien mit Spott und Hohn abgeschrieben, von den Fans aber nach wie vor bei jeder der regelmäßigen Tourneen durch die Clubs bejubelt wird. Oft fragt man sich, ob er das eigentlich wirklich verdient, denn man hat Stan Webb nicht nur mit fürchterlichen Kapellen erlebt, man hat nicht nur todlangweilige Platten von ihm in die hinterste Regalecke verbannt, man hat ihn auch als sturzbetrunkenen Idioten auf der Bühne gesehen und sich zurecht gefragt, warum man so einem noch hart erarbeitetes Geld in den Rachen schieben soll. Dabei ist Stan ein netter älterer Herr, der in guten Zeiten grandiose Bluesrockfeuer anzünden konnte. Zugegeben, das ist schon eine ganze Weile her, das letzte wirklich spannend rockende Studiowerk war die 79er LP "That's The Way We Are", und die gab es nur in Deutschland beim kleinen Shark Records Label. Die erfolgreiche Zeit von CHICKEN SHACK lag da bereits Jahre zurück.
CHICKEN SHACK waren Bestandteil des Hype um den britischen Blues Rock Ende der Sixties. Sprach man von TEN YEARS AFTER, TASTE, FLEETWOOD MAC, SAVOY BROWN oder John Mayall, war Stan Webb nie weit weg. Zurecht, auch wenn Webb natürlich nie das Tempo eines Alvin Lee aufnehmen konnte, nie so authentisch wie Gallagher klang, kein Genie wie Peter Green war und auf den Boogie-Train eines Kim Simmonds nicht aufspringen konnte oder wollte (hat er ja 1974 mit der famosen Fake-SAVOY BROWN LP "Boogie Brothers" doch noch geschafft). Wie so vielen, fehlte Webb die Kontinuität im Bandgefüge, Musiker kamen und gingen wieder - darunter waren etliche echte Hochkaräter -, Webbs Songwriting erreichte nur in wenigen Fällen Spitzenniveau und er machte sich bei den Bluesfetischisten spätestens ab der fünften LP, "Imagination Lady" von 1972, des Verrats verdächtig. Im Grunde wurde er von Puristen schon immer als Copycat angesehen.
Für mich, als damals noch verblüffend minderjährigen Schüler, wurden CHICKEN SHACK genau mit dieser Platte erst interessant. Grund war die Single The Loser (es war die zweite Single des Albums, Poor Boy war Monate vorher wesentlich erfolgreicher - aber das wusste ich natürlich nicht), mit ihrer offenen Gitarrenstimmung und dem höchst eingängigen Rock-Refrain "'cause I'm a loser". Ganz in der Tradition britischer Beat-Bands, herrlich unmuffig (= von drögem Blues befreit) und straight abgehend. Das war was korrektes für den von Mengenlehre geplagten Buben. Es war die siebte jemals von mir erworbene LP, d.h., ich muss sie irgendwann 1973 oder '74 gekauft haben (war es Taschengeld oder Oma-Gratifikation?), und sie lief viele Jahre oft und gerne, bis Stan Webb irgendwann von moderneren Bands verdrängt wurde.
"Imagination Lady" wurde verschiedentlich wiederveröffentlicht, aber jetzt gibt es gleich drei aufeinanderfolgende Alben als schicken Doppelpack unter dem Namen "Poor Boy - The Deram Years 1972-1974" (Deram war ein Sub-Label von Decca) und die Zeit ist reif für eine kleine Zeitreise und Wiederentdeckung dieser lange vergessenen Werke. Es handelt sich dabei um die kompletten Aufnahmen von "Imagination Lady", "Unlucky Boy" (1973) und "Goodbye Chicken Shack" (in England als "Go Live" erst zwanzig Jahre später veröffentlicht) von 1974.
Webb hatte für "Imagination Lady" erstmals nur ein Trio am Start. Womöglich eine Reaktion auf das aufgeblasene, richtungslose und unmotivierte Vorgängeralbum "Accept Chicken Shack" mit seinem progressiven Neo-Blues. Entsprechend entschlackt und rockig donnerte Crying Won't Help You los. Webb konnte alten Bluesnummern immer einen Tritt geben, wenn er nur wollte. John Glascock (Bass; später und bis zu seinem Tod 1979 bei JETHRO TULL, vorher mit Ken Hensley bei THE GODS) und Paul Hancox (Drums) verpassten dem Unternehmen zudem einen deftigen Heavy-Touch, der eher an LED ZEPPELIN und CREAM als an gemütlichen Ur-Blues erinnerte.
Die neue Vorwärts-Attitüde zeigte sich auch in der heftigen Version von Tim Hardins Folknummer If I Were A Carpenter und noch mehr im tausendfach gecoverten Standard-Livestomper Going Down von Don Nix. Mit Poor Boy hatte Webb natürlich seinen eigenen All-Time-Hit und Gitarrenhelden-Vorführsong geschrieben.
Paul Hancox durfte zu einem langen Schlagzeugsolo bei Telling Your Fortune ran. Die Nummer war 2 Jahre vorher in "Normalversion" bereits auf "Accept Chicken Shack" enthalten, diente hier aber eindeutig als Hommage an Hancox' Vorbild John Bonham. Den Mut, ein exzessives Trommelsolo auf eine Studio-LP zu packen, hatten natürlich nicht viele, Webb wurde die Aktion verschiedentlich als reine Zeitschinderei angekreidet. In den interessanten Liner Notes dieser Compilation kann man aber nachlesen, dass er das Solo einfach als zu gut zum löschen empfand.
Eigentlich hätte Webb mit "Imagination Lady" eine gute Basis für ein festes Line-Up gefunden. Die Verkaufszahlen und seine persönlich schwierige Art ließen das aber nicht zu. Glascock stieg aus, Bob Daisley ersetzte ihn und gleichzeitig kam mit Tony Ashton wieder ein Keyboarder in die Band. Für das nächste Album, ironischerweise "Unlucky Boy" betitelt, wurden zudem noch Chris Mercer als Bläser und Terry Noonan für die Streicherpassagen verpflichtet. Wieder war Webb nicht Erster, Noonan tauchte früher bereits bei u.a. SAVOY BROWN auf und Mercer entsprang dem John Mayall-Umfeld. Der Blues-Boom war ohnehin vorbei, ergo konnte Webb nur noch die liegengebliebenen Krümel aufpicken und schrammte haarscharf am Zeitgeist vorbei.
"Unlucky Boy" war auf den ersten Blick (der nur wenige Jahrzehnte dauerte...) ein Rückschritt. Zu viel Tradition, zu wenig Innovation, zudem mit As Time Goes Passing By noch ein Schleicher allererster Ordnung. Es konnte nicht gutgehen. Doch wieder hatte man Stan Webb Unrecht getan, "Unlucky Boy" ist bis heute ein zeitloses Album mit Längen, aber auch großen Momenten geblieben.
So langweilig As Time Goes Passing By seinerzeit erschien, so unabänderlich wurde es zu einem Klassiker. Webb sang im wahrsten Wortsinn schön wie kaum jemals sonst, die Streicher- und Keyboardarrangements passten punktgenau und der Song avancierte über die Jahre zu einem meiner Lieblinge. Ähnliches passierte mit dem Einstiegs-Groover You Know You Could Be Right. Das ist mitnichten monoton, das ist hypnotisch und klingt gefährlich. Bob Daisley war daran mit seinem Bass nicht ganz unbeteiligt und seine unzähligen späteren Stationen - von URIAH HEEP über BLACK SABBATH zu Ozzy und vielen anderen - passen bestens in dieses Bild.
Natürlich sind auch Songs dabei, die bis heute nicht zünden. Revelation oder Jammin' With The Ash (das von vielen als Klassiker angesehen wird) dümpeln objektiv gesehen einfach vor sich hin, und anderen Livefavoriten, wie Stan The Man, wird im Studio trotz Jam-Atmosphäre das Wasser doch gehörig abgegraben. Hört man sich dagegen Too Late To Cry aufmerksam an, wird man feststellen, dass Stan Webb zu emotionalen Meisterleistungen befähigt war.
Webbs Malaise wurde mit "Unlucky Boy" deutlich. Er war bereits 1973 hoffnungslos "out of time", seine unbestrittenen Möglichkeiten als Gitarrist gingen irgendwo in den zu vielen mittelmäßigen Songs unter und er konnte, wie so viele andere, zwar jeden Club unter Strom setzen, im Studio ging die Rechnung einfach zu selten auf. Ausserdem: Wo sich andere Bands längst ihre Live-Reputation mit teils legendären Konzertaufnahmen in die Geschichtsbücher schrieben ließen, kam Webb erst 1974 auf diese Idee und tappte damit ins Leere. CHICKEN SHACK waren faktisch am Ende, die neuerliche Komplettumbesetzung hatte nur noch statistischen Wert, der Tourkalender und/oder das Budget gaben offenbar nicht mehr her als einen qualitativ unterdurchschnittlichen Mitschnitt in einer Universitätsaula, vor, gelinde gesagt, zurückhaltendem Publikum. Webb mochte das Ergebnis selbst nicht und die Platte wurde, wie oben bereits erwähnt, nur in Deutschland veröffentlicht. Dazu kam die zwischenzeitliche Auflösung der Gruppe und Webbs Kollaboration mit Kim Simmonds. "Goodbye Chicken Shack/Go Live" hatte nie die Chance, nur annähernd einen Status wie beispielsweise "Recorded Live" von TEN YEARS AFTER oder gar Gallaghers Heldentaten zu erreichen und dürfte heute nur noch den eingefleischten Fans bekannt sein.
Es ist eine gute Idee, die beiden Studioplatten hier mit einer Bonus-CD dieses Konzerts zu kredenzen, denn einzeln ließe sich das Teil heute wohl nicht mehr vermarkten.
Allen obigen Unkenrufen zum Trotz, "Goodbye Chicken Shack" entfaltet heute mehr Charme als damals. Die LP verstaubte bei mir seit Ewigkeiten, zu unspektakulär und bieder tröpfelte das Gehörte daher. Dabei hatte Webb in dieser vorläufig letzten C.S.-Inkarnation wieder anständige Musiker versammelt. Drummer Alan Powell trat ab 1975 bei HAWKWIND in Erscheinung, Dave Wilkinson und Rob Hull an den Keyboards und Bass sah man danach nicht mehr in größerem Rahmen. Die drei zockten als Webb-Staffage brav und ordentlich, in den rockigen Nummern wie Going Down sogar richtig knackig, konnten aber ihre namhaften Vorgänger nicht wirklich erreichen. Webb selbst gefiel sich mehr und mehr als Einzelkämpfer, was zu beeindruckenden Soli, aber auch zu Leerlauf und schon 1974 lange überkommenen Klischeenudeleien führte.
Immerhin wird nicht nur der Blueser bedient, auch der gemeine Rock'n'Roller bekommt sein Webb's Boogie-Päckchen verabreicht. Was muss sich wohl der Kunde in dieser Universität seinerzeit gedacht haben, als er eine Mischung aus Chuck Berry, Jerry Lee Lewis und Little Richard vorgesetzt bekam? Heute federt der gealterte Zuhörer dabei geschmeidig-arthritisch im Knie, vor über dreißig Jahren dürfte es peinsam für den auf Neues scharfen Rockfan gewesen sein. Uns sind die Pudelfrisuren der 80er-Poser schließlich inzwischen auch längst suspekt. Poor Boy ist trotzdem geil.
Zum ganz Großen hat es bei Stan Webb nie gereicht, gerade in Deutschland wird da einiges geschichtsklitternd verklärt, ein Plätzchen im Mittelfeld hat er aber allemal verdient. Da kommen diese guten zwei Stunden mit zwei seiner besten Studioplatten plus dem Live-Bonus gerade recht.
Ich persönlich muss mir Webb heute nicht mehr live geben, es ist mir zu viel Oldieshow und zurückblickende Bluesbetulichkeit. Aber in den Siebzigern hatte Stan the Man zweifellos seinen Reiz. Das kann man hier gut hören. Und wer eine wirklich gute Liveaufnahme von CHICKEN SHACK hören will, sollte mal "Roadies Concerto" von '81 antesten.
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